Rettungsschiff Ocean Viking auf See

Notstand an Bord der Ocean Viking ausgerufen: SOS MEDITERRANEE erbittet dringend sicheren Hafen

Pressemitteilung
Berlin 03. Juli 2020


Nach sieben Anfragen nach einem sicheren Hafen in dieser Woche bei den zuständigen Rettungsleitstellen und nach sechs Selbstmordversuchen von Geretteten innerhalb von 24 Stunden hat die Ocean Viking den Notstand an Bord ausgerufen. Die Situation auf dem Schiff hat sich so zugespitzt, dass die Sicherheit der 180 Überlebenden und der Besatzung nicht mehr gewährleistet werden kann. Dieser Schritt ist beispiellos in der fünfjährigen Geschichte von SOS MEDITERRANEE. Die europäische Seenotrettungsorganisation sah sich durch die rapide Verschlechterung des psychischen Zustands einiger der Geretteten an Bord dazu gezwungen.

Für 44 Personen hat die Besatzung der Ocean Viking gegen Mittag eine medizinische Evakuierung beantragt – bisher ohne Ergebnis. Die 44 Personen, für die das Team der Ocean Viking um Hilfe gebeten hat, befinden sich in akuter seelischer Not. Sie haben die Absicht geäußert, sich selbst und anderen, einschließlich Mitgliedern der Besatzung, Schaden zuzufügen, und äußerten Selbstmordgedanken.

„Die Sicherheit der Besatzung und der Überlebenden hat für uns in jeder Phase unseres Einsatzes oberste Priorität. Wir können die Sicherheit der 180 Menschen, die wir in vier Einsätzen gerettet haben, nun nicht mehr garantieren,“ sagt Verena Papke, Geschäftsführerin von SOS MEDITERRANEE Deutschland. „Auf dem Schiff warten mehr als die Hälfte der Geretteten seit über einer Woche verzweifelt auf einen sicheren Ort.“

Zwei Männer sprangen gestern über Bord ins Meer und mussten vom Rettungsteam der Ocean Viking geborgen werden. Ein weiterer Mann wollte springen, wurde aber von anderen Überlebenden und Besatzungsmitgliedern zurückgehalten. In den frühen Morgenstunden versuchte ein Mann, sich zu erhängen. Weitere haben Selbstmordgedanken geäußert. Viele der Geretteten befinden sich in großer seelischer Not und leiden unter Depressionen. Sie befinden sich in einem Zustand akuter Erregung, die sich in heftigem Streit und körperlichen Auseinandersetzungen an Deck äußern. Es gibt Gewaltandrohungen gegen Überlebende und Besatzungsmitglieder. Mehrere Gerettete klagen über Schlaflosigkeit und der psychischen Belastung durch die Erlebnisse vor allem in Libyen und ihrer aktuellen Situation. Sie leiden darunter, ihre Familien nicht informieren zu können, dass sie noch am Leben sind. Zwei Gerettete sind heute Morgen aus Verzweiflung über ihre Situation in einen Hungerstreik getreten.

„Das besorgniserregende Verhalten und der schlimme psychische Zustand vieler Überlebenden an Bord unseres Schiffes sind eine direkte Folge der unnötig langen Verzögerung und der fehlenden Lösung für ihre Ausschiffung an einen sicheren Ort,“ beklagt Verena Papke von SOS MEDITERRANEE Deutschland. „Ein Schiff auf See ist kein sicherer Ort für Menschen, die gerade eine Nahtoderfahrung auf einem nicht seetüchtigen Boot in Seenot hinter sich haben.“ Unter den 180 Überlebenden an Bord der Ocean Viking befinden sich 25 Minderjährige, von denen 17 unbegleitet sind.

Keine Behörde fühlt sich zuständig

Einer der vier Rettungseinsätze am 25. und 30. Juni fand in den sich überschneidenden italienischen und maltesischen Such- und Rettungszonen statt, die anderen drei in der maltesischen Such- und Rettungszone. Über die Verantwortung für die Ausschiffung kann es daher keinen Zweifel geben. „Das Seerecht ist klar: Eine Rettung ist erst dann abgeschlossen, wenn die Überlebenden einen sicheren Ort erreicht haben, und ein solcher Ort ist von den zuständigen Seebehörden schnellstmöglich bereitzustellen,“ sagt Verena Papke.

Der erste Antrag auf einen sicheren Ort wurde heute vor einer Woche an die zuständigen Seefahrtbehörden in Italien und Malta gerichtet. Dieses Ersuchen wurde seitdem sechs Mal wiederholt. Die Ocean Viking hat bisher von jeder dieser Behörden eine negative Antwort erhalten. Es wurde kein Hinweis auf eine Lösung gegeben.

SOS MEDITERRANEE wiederholt ihren Aufruf an die zuständigen Behörden und an alle Mitgliedstaaten der Europäischen Union, die Anstrengungen dringend zu verstärken und gemeinsam eine Lösung für die 180 Überlebenden an Bord der Ocean Viking zu finden. Die Sicherheit der Überlebenden und der Besatzung hängt davon ab. Besonders die deutsche Bundesregierung ist jetzt in der Verantwortung, im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft auf eine umgehende Lösung hinzuwirken.

Chronologie der Ereignisse

  • Nachdem die Ocean Viking aufgrund der COVID-19-Pandemie drei Monate lang im Hafen von Marseille vor Anker lag, nahm sie am 22. Juni von Marseille aus Kurs auf das Einsatzgebiet in internationalen Gewässern vor der libyschen Küste.
  • Während sie am 25. Juni in der Nähe von Lampedusa unterwegs war, erhielt die Ocean Viking einen Notruf. Das Such- und Rettungsteam von SOS MEDITERRANEE führte am Mittag in internationalen Gewässern in der sich überschneidenden italienischen und maltesischen Such- und Rettungsregionen eine Rettung von 51 Personen durch. Ungefähr eine Stunde später wurde die Ocean Viking auf ein anderes Boot in Seenot aufmerksam gemacht und rettete aus einem Holzboot 40 Seemeilen südlich von Lampedusa in der maltesischen Such- und Rettungsregion weitere 67 Personen.
  •  Nach diesen beiden Rettungen beantragte die Ocean Viking am Freitagmorgen, dem 26. Juni, bei den maltesischen und italienischen Seebehörden gemäß den Seerechtskonventionen die Zuweisung eines sicheren Ortes für die Ausschiffung der Überlebenden. Diese Bitte wurde seither sechsmal wiederholt, ohne dass es eine positive Antwort gab.
  • Die Ocean Viking suchte zwölf Stunden nach einem Boot, das vor Misrata, Libyen, in akuter Notlage war. Am 27. Jun wurde das Boot gemäß IOM -Libyen von der libyschen Küstenwache abgefangen und zurück nach Libyen gebracht. An Bord, ein Neugeborenes, das noch im Schlauchboot zur Welt kam. Außerdem berichtete IOM -Libyen, dass sechs Menschen starben, bevor die libysche Küstenwache das Boot erreichte.
  • Am Montagabend, dem 29. Juni, ersuchte die Ocean Viking um Unterstützung bei der medizinischen Evakuierung eines der Überlebenden, dessen gesundheitlicher Zustand sich verschlechtert hatte. Die Person wurde durch die italienischen Behörden evakuiert.
  • Am Dienstagabend, dem 30. Juni, retteten die Teams von SOS MEDITERRANEE 47 Menschen von einem Holzboot, das südlich von Lampedusa in der maltesischen SAR-Zone trieb. Aussagen der Geretteten zufolge verbrachten sie vier bis fünf Tage auf See. Alle waren stark dehydriert. In der Nacht wurden 16 weitere Menschen unter Koordination der maltesischen Behörden aus einem Glasfaserboot sicher an Bord der Ocean Viking gebracht. Insgesamt befinden sich somit 180 Gerettete an Bord.
  • Am Donnerstag, 2. Juli, sprangen zwei Menschen über Bord. Die Crew konnte sie wieder sicher auf das Schiff bringen. Eine weitere Person versuchte zu springen. Insgesamt sechs Gerettete äußerten Selbstmordabsichten. Viele Überlebende sind unruhig und äußerst erschöpft.

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Pressekontakt:
Petra Krischok, SOS MEDITERRANEE Deutschland e.V., presse@sosmediterranee.org, M +49 (0)176 552 506 54

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