Ocean Viking rettet 176 Menschen im Mittelmeer. Wo werden sie von Bord gehen?

Pressemitteilung

Berlin, 14. Oktober 2019. Die Crew von SOS MEDITERRANEE hat im zentralen Mittelmeer in zwei Rettungseinsätzen insgesamt 176 Personen aus Seenot geborgen. Die beiden Einsätze fanden in der Nacht des 12. Oktober sowie am 13. Oktober statt. Alle geretteten Personen befinden sich derzeit an Bord der Ocean Viking, dem gemeinsam von SOS MEDITERRANEE und Ärzte ohne Grenzen (MSF) betriebenen Rettungsschiff. Das Schiff befindet sich aktuell in internationalen Gewässern zwischen Lampedusa, Italien, und Malta. Dort wartet die Ocean Viking auf die Zuweisung eines sicheren Hafens für die geretteten Menschen.

Am Abend des 12. Oktober retteten die Teams der Ocean Viking zunächst 74 Menschen aus einem Schlauchboot in Seenot. Unter den Geretteten befanden sich sechs unbegleitete Minderjährige. Die Rettung fand nahe der Ölplattform Al Jurf statt und konnte gegen 00:00 Uhr abgeschlossen werden. Die Teams hatten die Informationen über den Seenotfall über eine E-Mail der NGO Alarm Phone an die umliegenden Rettungsleitstellen erhalten, in der die Ocean Viking in Kopie stand. Kurze Zeit später, um 00:25 Uhr, erhielt die Ocean Viking von den libyschen Behörden Informationen über die Position eines weiteren Bootes in Seenot und wurde angewiesen, die Rettung einzuleiten. Die insgesamt neunstündige Suche nach dem Boot blieb jedoch erfolglos. Auf erneute Anfragen der Ocean Viking nach der Position des Bootes gaben die libyschen Behörden keine Auskunft. Es war das erste Mal, dass die Ocean Viking schriftliche Anweisungen von den libyschen Behörden zur Durchführung eines Rettungseinsatzes erhielt.

Am Morgen des 13. Oktober wurde der Ocean Viking schließlich ein weiteres Boot gemeldet, das in Seenot geraten war. Gegen 13:50 Uhr war die Rettung von 102 schutzsuchenden Menschen aus einem seeuntüchtigen Schlauchboot abgeschlossen. Unter den Geretteten waren vier schwangere Frauen und neun Minderjährige.

Die Ocean Viking hat gemäß dem internationalen Seerecht bei den libyschen Behörden einen sicheren Ort zur Ausschiffung der 176 geretteten Menschen beantragt. Wie in der Vergangenheit haben die libyschen Behörden auch diesmal Tripolis als Hafen zugewiesen, an dem die Überlebenden an Land gehen sollen. Weil dies ein klarer Verstoß gegen internationales Recht wäre, haben die Teams der Ocean Viking das abgelehnt. Libyen kann aktuell nicht als sicherer Ort für schutzsuchende Menschen gelten.

Während die Ocean Viking auf dem Weg nach Norden ist und die umliegenden Seenotleitstellen um Unterstützung bei der Zuweisung eines sicheren Hafens gebeten hat, fordern wir die EU-Staaten und die zuständigen Behörden dringend dazu auf, uns umgehend einen sicheren Ort zuzuweisen, an dem die 176 geretteten Personen an Land gehen können. Diese Männer, Frauen und Kinder haben eine schreckliche und teilweise traumatisierende Flucht über das Mittelmeer hinter sich, sie sind erschöpft und brauchen dringend eine angemessene Versorgung. Bei uns an Bord können wir diese nur vorübergehend sicherstellen. Dies ist schlichtweg eine Notlösung. Offiziell gilt eine Rettung erst dann als abgeschlossen, wenn die Überlebenden an einem sicheren Ort an Land gehen“, sagt Frédéric Penard, Einsatzleiter von SOS MEDITERRANEE in Marseille.

Seit dem Sommer ist es bereits das vierte Mal, dass wir mit unserem Rettungsschiff Ocean Viking darauf warten, dass uns ein sicherer Ort zu gewiesen wird, an dem die 176 Geretteten von Bord gehen können. Die EU-Staaten haben fatalerweise immer noch keine verlässliche Regelung gefunden, damit aus Seenot gerettete Personen gemäß internationalem Seerecht so schnell es geht an Land gebracht werden. Ad-hoc-Vereinbarungen dürfen nicht die Lösung sein. Wir fordern die Regierungen der EU-Mitgliedstaaten auf, dieser humanitär völlig inakzeptablen Situation schnellstmöglich zu beenden“, kommentiert der Geschäftsführer von SOS MEDITERRANEE Deutschland, David Starke.

 

Pressekontakt:
Jana Ciernioch, SOS MEDITERRANEE Deutschland e.V., presse@sosmediterranee.org,
T +49 (0)30 2205 6811, M +49 (0)173 4071 721

 

SOS MEDITERRANEE ist eine europäische Nichtregierungsorganisation zur Rettung Schiffbrüchiger im Mittelmeer. Sie hat sich 2015 gegründet und war von Februar 2016 bis Dezember 2018 gemeinsam mit Ärzte ohne Grenzen mit dem Rettungsschiff Aquarius im Mittelmeer im Einsatz, wo sie 29.523 Menschen in Seenot zur Hilfe gekommen ist. Seit August 2019 sind die beiden humanitären Hilfsorganisationen mit der Ocean Viking im Einsatz. SOS MEDITERRANEE hat für ihre Arbeit zahlreiche Auszeichnungen bekommen; unter anderem den UNESCO-Friedenspreis 2017. Die NRO setzt sich auf allen Ebenen dafür ein, dass auf dem Mittelmeer Seenotrettung nicht mehr blockiert und Seerecht nicht mehr gebrochen wird.