Gerettete an Bord der Ocean Viking warten darauf, in Lampedusa an Land gehen zu können

SOS MEDITERRANEE wird 82 Gerettete in Lampedusa an Land bringen

Pressemitteilung
Berlin, 14. September 2019


Nach 14 Monaten ist die Ocean Viking das erste zivile Rettungsschiff, dass autorisiert Gerettete an einen sicheren Ort in Italien bringt

Am Samstagmorgen, den 14. September, informierte die Seenotrettungsleitstelle Rom SOS MEDITERRANEE, dass die in zwei Einsätzen im zentralen Mittelmeer 82 Geretteten in Italien an Land gehen können. „SOS MEDITERRANEE begrüßt die Entscheidung und ist erleichtert, dass die 82 geretteten Menschen an Bord der Ocean Viking in Lampedusa an Land gehen können“, sagt David Starke, Geschäftsführer von SOS MEDITERRANEE Deutschland. Sechs Tage nach der ersten Rettung hat eine Allianz europäischer Mitgliedsstaaten eine Ad-Hoc-Lösung gefunden.

Die Zuweisung eines sicheren Ortes, der sich auch als solcher qualifiziert, ist eine gute Nachricht„, erklärt Nicola Stalla, Einsatzkoordinator an Bord der Ocean Viking. „Aber mehrere Tage oder gar Wochen warten zu müssen, tolerieren wir nicht. Wir fordern die europäischen Staaten nachdrücklich auf, einen wirksamen, koordinierten und vorhersehbaren Mechanismus einzuführen, der die Ausschiffung von im Mittelmeer geretteten Menschen an einem sicheren Ort garantiert“, fügt er hinzu.

Die Zuweisung eines sicheren Ortes ist im Völkerrecht verbrieft. Es besagt, dass aus Seenot gerettetete Menschen unverzüglich an einem Ort an Land gebracht werden müssen, an dem ihre Sicherheit gewährleistet ist und ihre Grundbedürfnisse bedient werden können. „Für Menschen, die vor den verzweifelten Zuständen in ihren Heimatländern geflohen sind und in Libyen schreckliche Misshandlungen erlitten haben, kann ein sicherer Ort nicht früh genug kommen“, sagt Erkinalp Kesikli, Projektkoordinator von Ärzte ohne Grenzen an Bord der Ocean Viking. SOS MEDITERRANEE ist fest davon überzeugt, dass die humanitären Werte von den EU-Mitgliedstaaten gewahrt werden müssen und eine angemessene Reaktion auf die humanitäre Krise im zentralen Mittelmeerraum gefunden werden muss.

Die heutige Entscheidung, dass sich mehrere europäische Mitgliedsstaaten, darunter Italien, auf eine Lösung einigen konnten, ist ein ermutigendes Zeichen. Im Juni 2018 war das gemeinsam von SOS MEDITERRANEE und Ärzte ohne Grenzen betriebene Rettungsschiff Aquarius das erstes humanitäre Schiff, das mit der Schließung italienischer Häfen konfrontiert war. SOS MEDITERRANEE erinnert daran, dass die Unterstützung von Menschen in Not heute und in Zukunft über alle anderen politischen Erwägungen gestellt werden muss.

Im zentralen Mittelmeerraum besteht derzeit ein erheblicher Mangel an Rettungsschiffen. Das trägt zu der höchsten jemals registrierten Todesrate bei. Schätzungen zur Folge stirbt einer von 20 Menschen bei dem Versuch aus Libyen über das Mittelmeer zu fliehen. „Wir werden so schnell wie möglich wieder in das Rettungsgebiet im zentralen Mittelmeer zurückkehren, weil wir dort das derzeit einzige Rettungsschiff sein werden. Denn: Es geht hier um nichts weniger als unsere europäischen Werte. Wir leben diese Werte, indem wir Menschen vor dem Ertrinken retten“, sagt David Starke, Geschäftsführer von SOS MEDITERRANEE Deutschland.

SOS MEDITERRANEE fordert die europäischen Mitgliedsstaaten auf:

  • auf den dringenden Bedarf an Such- und Rettungskapazitäten im zentralen Mittelmeerraum zu reagieren;
  • einen koordinierten, gemeinsamen und nachhaltigen Ausschiffungsmechanismus, der den Schutz menschlichen Lebens gewährleistet, einzurichten;
  • die Kriminalisierung der im Mittelmeerraum tätigen humanitären und zivilen Organisationen einzustellen.

Zusammenfassung der Ereignisse:

Die Teams von SOS MEDITERRANEE und Ärzte ohne Grenzen an Bord der Ocean Viking retteten in zwei Einsätzen in internationalen Gewässern vor der libyschen Küste 84 Menschen. Innerhalb von 14 Stunden nach der Ankunft im libyschen Such- und Rettungsgebiet ging die Meldung eines ersten Seenotfalles am 8. September an Bord der Ocean Viking ein. Es handelte sich um ein Schlauchboot mit 50 Personen. Die zweite Rettung und der darauffolgende Transfer am 9. September erfolgte bei sich rasch verschlechternden Wetterbedingungen, weil das 14 Meter lange Segelschiff, auf dem die Menschen Schutz gefunden hatten, selber zum Notfall wurde. SOS MEDITERRANEE hat daher die 34 Menschen von Bord des Segelschiffes Josefa übernommen.

Trotz anhaltender Versuche, die libysche Koordinierungsstelle bei allen Schritten der beiden Einsätze zu kontaktieren, wies die libysche Koordinierungsstelle Zawiyah (Libyen) als Ort zur Anlandung der Geretteten erst am 10. September an. SOS MEDITERRANEE lehnt dies ab, weil Libyen kein sicherer Ort ist. Die libyschen Rettungsleitstelle antwortete auf Anfrage nach einem alternativen Ort nicht.

Am 11. September nahm die Ocean Viking Kurs nach Norden, um die medizinische Notevakuierung einer hochschwangeren Frau und ihres Mannes nach Malta zu erleichtern. Nach dieser Evakuierung blieben 82 gerettete Menschen an Bord – darunter ein einjähriges Baby.

Pressekontakt:
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Photo credits: Laurence Bondard / SOS MEDITERRANEE