Statement: „Muss erst jemand sterben, damit die Ausschiffung möglich wird?“

Pressestatement
Berlin, 04. Juli 2020


Verena Papke, Geschäftsführerin von SOS MEDITERRANEE Deutschland zu der aktuellen Situation auf der Ocean Viking:

„Die Ocean Viking, das Rettungsschiff von SOS MEDITERRANEE, hat in vier Einsätzen am 25. und am 30. Juni 181 Menschen gerettet. Seit zehn Tagen warten die Geretteten an Bord mit wachsender Verzweiflung darauf, an einem sicheren Hafen an Land gehen zu können. Sieben Anfragen zur Ausschiffung an die zuständigen Seefahrtbehörden blieben erfolglos. Diese sind nach dem Seerecht verpflichtet, einen Hafen zuzuweisen. Die Anspannung wurde zuletzt für viele unerträglich. Die strengen COVID-19-Maßnahmen belasten die geretteten Menschen zusätzlich. Das lange Warten und die Ungewissheit hat die physische und psychische Angegriffenheit der Menschen nur noch verschlimmert.

Eine Gruppe von geretteten Personen, die in Libyen nach eigenen Angaben wiederholt gefoltert wurde, ist augenscheinlich traumatisiert und nicht mehr in der Lage, mit den Bedingungen an Bord umzugehen. Sie haben hierdurch die Sicherheit der anderen geretteten Menschen und der Besatzung gefährdet. Das medizinische Team von SOS MEDITERANEE bat gestern Mittag um eine medizinische Evakuierung. Diese Anfrage auf medizinische Evakuierung blieb unbeantwortet. Diese Ablehnung, die Verschlechterung des Gesundheitszustandes vieler Geretteter und die Zunahme der Spannungen haben den Kapitän veranlasst, am Freitag, dem 3. Juli, den Notstand an Bord auszurufen.

24 Stunden später ist unser Hilferuf immer noch nicht gehört worden. Wir werden mit 180 Menschen in schwerer seelischer Not auf See alleingelassen. Die einzige Reaktion der italienischen Seefahrtbehörden war, heute Mittag ein medizinisches Team zur Ocean Viking zu schicken, bestehend aus einem Arzt und einem kulturellen Vermittler. Dem SOS-Team gelang es, die Menschen zu beruhigen, so dass das italienische Ärzteteam eine Einschätzung des Zustands der Überlebenden vornehmen konnte. Außerdem ist nun ein COVID-19 Test für die Geretteten im Gespräch.

Das ausbleibende Handeln der europäischen Staaten ist ein Skandal. Denn Rettung auf See ist Pflicht und eine Rettung erst dann abgeschlossen, wenn die Geretteten an einem sicheren Ort von Bord gehen konnten. Muss erst jemand sterben, damit die Ausschiffung möglich wird?“

Frédéric Penard, Head of Operations von SOS MEDITERRANEE:

„Die europäische Such- und Rettungsorganisation SOS MEDITERRANEE wurde vor fünf Jahren gegründet. Seitdem haben unsere Teams 271 Einsätze durchgeführt und 31.799 Menschen im zentralen Mittelmeerraum gerettet.

Wir haben schreckliche Krisen, dramatische Rettungsaktionen und lange Einsätze auf See erlebt, aber in unserer kurzen Geschichte haben unsere Besatzungen stets professionell und unter strikter Einhaltung der rechtlichen Verpflichtungen und Verfahren gehandelt, die im Seerecht und in den Seerechtskonventionen verankert sind. Dies wurde wiederholt von allen staatlichen Akteuren anerkannt, mit denen wir stets einen konstruktiven Dialog angestrebt haben.“

Chronologie der Ereignisse

    • Nachdem die Ocean Viking aufgrund der COVID-19-Pandemie drei Monate lang im Hafen von Marseille vor Anker lag, nahm sie am 22. Juni von Marseille aus Kurs auf das Einsatzgebiet in internationalen Gewässern vor der libyschen Küste.
    • Während sie am 25. Juni in der Nähe von Lampedusa unterwegs war, erhielt die Ocean Viking einen Notruf. Das Such- und Rettungsteam von SOS MEDITERRANEE führte am Mittag in internationalen Gewässern in der sich überschneidenden italienischen und maltesischen Such- und Rettungsregionen eine Rettung von 51 Personen durch. Ungefähr eine Stunde später wurde die Ocean Viking auf ein anderes Boot in Seenot aufmerksam gemacht und rettete aus einem Holzboot 40 Seemeilen südlich von Lampedusa in der maltesischen Such- und Rettungsregion weitere 67 Personen.
    •  Nach diesen beiden Rettungen beantragte die Ocean Viking am Freitagmorgen, dem 26. Juni, bei den maltesischen und italienischen Seebehörden gemäß den Seerechtskonventionen die Zuweisung eines sicheren Ortes für die Ausschiffung der Überlebenden. Diese Bitte wurde seither sechsmal wiederholt, ohne dass es eine positive Antwort gab.
    • Die Ocean Viking suchte zwölf Stunden nach einem Boot, das vor Misrata, Libyen, in akuter Notlage war. Am 27. Jun wurde das Boot gemäß IOM -Libyen von der libyschen Küstenwache abgefangen und zurück nach Libyen gebracht. An Bord, ein Neugeborenes, das noch im Schlauchboot zur Welt kam. Außerdem berichtete IOM -Libyen, dass sechs Menschen starben, bevor die libysche Küstenwache das Boot erreichte.
    • Am Montagabend, dem 29. Juni, ersuchte die Ocean Viking um Unterstützung bei der medizinischen Evakuierung eines der Überlebenden, dessen gesundheitlicher Zustand sich verschlechtert hatte. Die Person wurde durch die italienischen Behörden evakuiert.
    • Am Dienstagabend, dem 30. Juni, retteten die Teams von SOS MEDITERRANEE 47 Menschen von einem Holzboot, das südlich von Lampedusa in der maltesischen SAR-Zone trieb. Aussagen der Geretteten zufolge verbrachten sie vier bis fünf Tage auf See. Alle waren stark dehydriert. In der Nacht wurden 16 weitere Menschen unter Koordination der maltesischen Behörden aus einem Glasfaserboot sicher an Bord der Ocean Viking gebracht. Insgesamt befinden sich somit 180 Gerettete an Bord.
    • Am Donnerstag, 2. Juli, sprangen zwei Menschen über Bord. Die Crew konnte sie wieder sicher auf das Schiff bringen. Eine weitere Person versuchte zu springen. Insgesamt sechs Gerettete äußerten Selbstmordabsichten. Viele Überlebende sind unruhig und äußerst erschöpft.
    • Am Freitag, 3. Juli, begannen zwei Gerettete einen Hungerstreik. Nach sechs Selbstmordversuchen innerhalb von 24 Stunden und sieben ergebnislosen Anfragen um die Zuweisung eines sicheren Ortes, wird an Bord der Ocean Viking der Notstand ausgerufen. Die Situation auf dem Schiff hatte sich dermaßen zugespitzt, dass die Sicherheit der 180 geretteten Menschen und der Besatzung nicht mehr gewährleistet werden konnte.

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Pressekontakt:
Petra Krischok, SOS MEDITERRANEE Deutschland e.V., presse@sosmediterranee.org, M +49 (0)176 552 506 54

Bildnachweis: Flavio Gasperini / SOS MEDITERRANEE – Nutzung ausschließlich für redaktionelle Zwecke