Pressemitteilung: Zu wenige Rettungsschiffe im Mittelmeer –  zivile Seenotretter*innen am Limit

Berlin, 18.01.2018


Am Dienstag, den 16. Januar, wurden im Mittelmeer über 1.400 Flüchtlinge vor dem Ertrinken gerettet. Zwei Menschen konnten nur noch tot geborgen werden. An den Einsätzen waren alle verfügbaren Schiffe beteiligt. Neben der humanitären Organisation SOS MEDITERRANEE, die allein 505 Menschen zur Hilfe kam, retteten auch die italienische Küstenwache, sowie Einheiten der EU-Mission EUNAVFOR MED. Seit Mittwochmorgen werden aufgrund fehlender Rettungseinheiten sogar Frachtschiffe in das Rettungsgebiet vor der libyschen Küste umgeleitet.

Bereits am Montagvormittag hatte SOS MEDITERRANEE in internationalen Gewässern östlich von Tripolis die Überreste eines kaputten Schlauchbootes gesichtet. Über den Verbleib der Insassen des Bootes ist bislang nichts bekannt. Kleidungsstücke und Plastikflaschen lassen allerdings darauf schließen, dass sich noch wenige Stunden zuvor Menschen an Bord befunden haben müssen. Wenig später nahm die Aquarius 67 Menschen an Bord, die vorher von einem spanischen Militärschiff gerettet worden waren.

Im Laufe des Dienstages konnten die Aquarius Teams westlich von Tripolis in weniger als 12 Stunden über 400 Personen von mehreren Booten bergen und an Bord der Aquarius in Sicherheit bringen. Darunter mehrheitlich Flüchtende aus Eritrea, Nigeria, Pakistan, Marokko und Libyen.

Wir arbeiten mal wieder am absoluten Limit und das wird sich voraussichtlich auch in den nächsten Tagen nicht ändern. Wir werden die Geretteten sicher ans Festland bringen und dann sofort in die Rettungszone zurückkehren“, sagte Klaus Merkle, Such- und Rettungskoordinator an Bord der Aquarius. Die Aquarius wird morgen früh in Catania, Sizilien erwartet, wo alle Überlebenden von Bord gehen.

Laut Ärzte ohne Grenzen, dem medizinischer Partner an Bord der Aquarius, weisen viele der geretteten Menschen aufgrund der schlechten hygienischen Bedingungen in libyschen Internierungslagern schwere Atemwegserkrankungen auf und sind teilweise stark unterernährt.

Ein Überlebender aus Mali berichtete: „Ich habe fünf Monate in Tripolis in Libyen verbracht. Dort behandeln sie schwarze Menschen wie Hunde. Zwei Monate lang war ich zusammen mit Hunderten Menschen in einem Gefängnis eingesperrt. Sie haben uns geschlagen, ich wollte fliehen. Wir verließen Tripolis um vier Uhr nachts. Es waren über hundert Leute auf dem Boot. Ein anderes Boot begleitete uns. Nachdem wir internationale Gewässer erreicht hatten, stieg der Fahrer unseres Bootes auf das Beiboot um und kehrte nach Libyen zurück. Zum Glück kam die Aquarius irgendwann gegen Mittag.“

Aufgrund der ausbleibenden Reaktion der Europäischen Mitgliedsstaaten, im Mittelmeer ausreichende Rettungskapazitäten zur Verfügung zu stellen, sind humanitäre Organisationen wie SOS MEDITERRANEE seit knapp zwei Jahren ununterbrochen im Einsatz. „Wie soll das weitergehen? Wir sehen dabei zu, wie Menschen ertrinken, die vor der Hölle Libyens fliehen. Wären wir und andere zivile Organisationen nicht im Einsatz, würde es noch viel mehr Tote geben. Es ist eine Schande, was sich vor den Toren Europas abspielt – und niemand scheint mehr hinzusehen. SOS MEDITERRANEE wird auch 2018 nicht aufhören, mehr Rettungskapazitäten von der EU zu fordern. Die Toten von Dienstag wären vermeidbar gewesen.“ kommentierte Verena Papke, Geschäftsführerin von SOS MEDITERRANEE Deutschland.

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