„Seht, hört und fühlt, was sich vor unserer Tür abspielt.“

Ludovic ist Mitglied des Rettungsteams von SOS MEDITERRANEE. Auf der TEDx-Konferenz in Paris spricht er über seine Arbeit an Bord eines Rettungsschiffes im zentralen Mittelmeer. Die gesamte Rede könnt ihr hier nachlesen.

„Ich habe beschlossen, meine Erzählung an einem bestimmten Tag beginnen zu lassen. Am 2. August 2017, im Hochsommer auf dem Mittelmeer. Die Aquarius erhält von der italienischen Küstenwache die Anweisung, 127 Menschen an Bord zu nehmen, die von einem Handelsschiff gerettet worden sind, der Santa Lucia.

Wir lassen zwei unserer Schnellboote zu Wasser. Wir nähern uns der Santa Lucia. Acht Menschen konnten von der Besatzung nur noch tot geborgen werden, unter ihnen die Eltern eines zweijährigen Mädchens.

Der Transfer von einem Schiff zum anderen nimmt viel Zeit in Anspruch. Es ist das erste Mal, dass ich diese Menschen richtig wahrnehme, diese Schiffbrüchigen des Mittelmeeres. Einige haben schwere Verbrennungen von dem Gemisch aus Salzwasser und Treibstoff, der aus den Kanistern ausgelaufen ist, andere haben blutige Waden, zerkratzt von anderen, die versucht haben, sich an ihnen festzukrallen, um nicht in dem vollgelaufenen Schlauchboot zu ertrinken, in dieser Suppe aus Wasser, Benzin, Scheiße, Erbrochenem, Kleidung und Babywindeln. Das Schlauchboot war so voll, dass die Menschen sich nicht bewegen konnten, dass sie ihre Kinder bei 40°C in die Höhe hielten, damit diese nicht erdrückt werden und ersticken. Die Menschen sind ausgezehrt, erstarrt, dehydriert, von den Benzinschwaden wie betäubt, sie wirken abgestorben. Einige weinen um ihre Toten.

Nachdem wir die Überlebenden an Bord genommen haben, schleppen wir das kaputte Schlauchboot zur Aquarius, um die Leichen zu bergen und ihnen ein würdevolles Begräbnis zu ermöglichen. Die Leichen werden später auf dem Vordeck aufgebahrt und alle drei Stunden mit Wasser übergossen, bis sie an ein Schiff, das über eine Kühlkammer verfügt, übergeben werden können.

Ich habe Angst, ich habe Schmerzen. Ich verstehe gar nichts mehr. Wie ist so etwas möglich? Wie kann es so etwas geben? Dabei dachte ich, ich hätte mich auf diese Erfahrung vorbereitet.

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Ich heiße Ludovic.

Ich bin Seemann, Offizier der Handelsmarine.

Bevor ich die Seefahrt zu meinem Beruf gemacht habe, war ich Krankenpfleger. In meiner Freizeit segelte ich. Während einer Atlantiküberquerung mit meinem Freund Fred brach mitten auf hoher See bei acht Meter hohen Wellen der Baum unseres Segelboots. Uns ging der Treibstoff aus. Nach drei Tagen setzte ich den ersten Notruf ab. Ein Schiff, die Pink Jin, wich von seiner Route ab und wandte damit ein Prinzip an, das für jeden Seefahrer gilt: „Man ist verpflichtet, jeder Person, die auf See in Not gerät, zu retten.“

Zurück an Land stand meine Entscheidung fest: Entweder erlerne ich den Beruf des Seefahrers oder ich setze nie wieder einen Fuß auf ein Schiff. Also begann ich im Oktober 2015 mit einem Studium an der École Nationale Supérieure Maritime, der Marinehochschule.

Im August 2016 konnte ich mir einen Kindheitstraum verwirklichen. Ich machte ein Praktikum an Bord des Seenotkreuzers Abille Flandre.

Eines Tages fingen wir vor Korsika einen Notruf auf, es ging um ein Schlauchboot, das vor Libyen sank. An Bord befanden sich 150 Menschen, darunter Frauen und Kinder. Mir gefror das Blut in den Adern, als ich daran dachte, dass wenige hundert Seemeilen von mir entfernt Menschen ertranken. Allein auf dem Meer.

Für mich gab es nun kein Zurück mehr. Nach meinem Praktikum schickte ich meine erste Bewerbung an SOS Méditerranée.

In Le Havre, zu Beginn meines zweiten Jahres an der École Maritime, sah ich eines Tages im Kino den Film Fucoammare. Als ich nach Hause kam, musste ich mich übergeben.

Ich sage mir: „Warte mal, Ludo.

Dein italienischer Großvater floh vor Mussolini, er wurde Widerstandskämpfer und blieb nach der Befreiung in Frankreich. Du wurdest dazu erzogen, anderen Menschen mit Respekt zu begegnen.“

Du warst Krankenhelfer in der Notaufnahme.“

Du bist Seemann.“

Wer bist du, wenn du nichts tust?“

Ich kontaktierte SOS Méditerranée immer wieder. Im Juli 2017 ging ich für meinen ersten Einsatz an Bord.

DIE FEUERTAUFE

Zwei Tage nach dem Vorfall mit der Santa Lucia findet eine zweite Rettungsaktion statt. Dieses Mal sind 300 Personen auf einem Holzboot in Lebensgefahr.

Bei leichtem Wellengang lassen wir unsere drei Rettungsboote zu Wasser. Das Holzboot ist so überladen, dass der Arzt von Ärzte ohne Grenzen die Lage an Bord nicht einschätzen kann. Die meisten Insassen kommen aus Eritrea. Wir können nicht mit ihnen kommunizieren, aber alle erhalten eine Schwimmweste. Wir beginnen mit dem Transfer. Das Boot schwankt, ein Mann ist sehr schwach, sehr langsam, ich muss seine Hüfte umfassen und ihn in mein Rettungsboot heben. Er verliert das Bewusstsein. An Bord der Aquarius informiert uns der Arzt, dass der Mann vier Kugeln aus einer Kalaschnikow im Bauch hat. Andere weisen Knochenbrüche auf. Die Geretteten erklären uns, dass das Boot kurz vor der Abfahrt am Vortag hoffnungslos überfüllt war, zudem war das Wetter schlecht. Daraufhin verboten die Schleuser einigen Menschen einzusteigen, obwohl diese für die Überfahrt gezahlt hatten. Sie schossen in die Menge und verteilten Schläge mit einer Eisenstange.

Im Oktober 2017 kehrte ich von meinem dritten Einsatz zurück und begann mein drittes Studienjahr. Ich schaffte es nicht, wieder zu Hause anzukommen, ich litt unter Albträumen, Wutausbrüchen. Ich sagte mir immer wieder, dass das so nicht weitergehen kann. Falls das Schiff im Juni immer noch im Einsatz ist, werde ich wieder an Bord gehen.

DIE RETTUNG VOM 9. JUNI 2018

Juni 2018. Nichts hat sich verändert, und ich bin zurück in Catania, auf Sizilien.

Wir laufen am 8. Juni um 19 Uhr aus. Wir nehmen Kurs gen Süden.

Am Samstag, den 9. Juni, um 14 Uhr, funkt uns die italienische Marine die Position von zwei Booten in Seenot und gibt uns die Anweisung, ihnen zu Hilfe zu kommen. Um 19 Uhr sehen wir die zwei Boote vor uns. Es handelt sich um Schlauchboote.

Um 20 Uhr stabilisieren wir das erste Schlauchboot und fahren dann zum Zweiten. Wir haben keine Zeit zu verlieren. Auf der vorderen Steuerbordseite ist keine Luft mehr im Boot. Es ist stockdunkel. Den Insassen steht das Wasser bis zur Brust. Als sie sich zu uns umdrehen, entweicht auch noch die letzte Luft aus dem Boot. Eine Sekunde später befinden sich 50 Menschen im Wasser: Plötzlich besteht die Dunkelheit nur noch aus Schreien, Tränen, Geheul, wir erahnen Menschen, die um ihr Leben kämpfen, der Wind ist stärker geworden, das Meer unruhig.
Wir werfen sofort unsere Schwimmwesten ins Wasser, aber das Wetter spielt uns übel mit. Der Wind bläst die Rettungswesten entweder zu uns zurück oder zu weit weg. Die ersten Hände greifen nach unserem Boot, wir packen sie, ziehen die Menschen an Bord. Es nimmt kein Ende.

Ich funktioniere wie eine Maschine und denke dabei ununterbrochen an meine Frau Noor. Fall nicht ins Wasser, Ludo. Fall nicht ins Wasser. Noor ist zu Hause, du darfst nicht ins Wasser fallen. Wenn du ins Wasser fällst, wirst du zu einer Rettungsinsel. 20 Menschen werden sich an dir festklammern und dich in die Tiefe ziehen, und dann ertrinkst du. Zieh die Menschen an Bord, aber fall nicht ins Wasser. Ich sehe, wie Max, mein Teamleiter, gefährlich schwankt und über Bord zu drehen droht, weil zu viele Hände seine Stiefel umklammern. Ich werfe mich auf ihn, packe sein linkes Bein mit einem Arm und schlage auf die fremden Hände ein, damit sie ihn loslassen und sich stattdessen am Rettungsboot festhalten. Es ist unglaublich grausam. Max rappelt sich wieder auf und befiehlt, dass wir fünf Meter weiter fahren, 30° Steuerbord. Dort treibt ein Mensch im Meer, den Kopf unter Wasser. Wir ziehen ihn an Bord. Der Krankenpfleger übernimmt, kein Puls, kein Atem. Max entdeckt eine weitere Person backbord. Ich bin der Einzige, der die Hände frei hat, ich beuge mich vor. Der Mann treibt senkrecht, sein Kopf befindet sich einen halben Meter unter Wasser. Ich schaffe es nicht, ihn an den Haaren zu packen, überall ist Benzin, auf ihm, auf meinen Handschuhen. Er sinkt immer tiefer, verdammt! Ich lehne mich noch weiter vor, merke, wie ich das Gleichgewicht verliere, ich falle! In diesem Moment packt Dragos meinen Stiefel. Der Mann sinkt immer tiefer, ich schaffe es gerade noch, einen Finger in seinen Ärmel zu schieben. Ich hab ihn! Der Krankenpfleger beginnt sofort mit einer Herzmassage. Kein Puls, kein Atem.

Wir halten mit den ersten Geretteten an Bord auf die Aquarius zu. Die beiden Ertrunkenen werden an Bord gehoben. An Deck übernimmt das Team von Ärzte ohne Grenze, wir lassen die Überlebenden so schnell wie möglich aussteigen. Wir sind betäubt von dem Benzin, uns ist kotzübel. Egal, es geht weiter.

Um 2 Uhr morgens haben wir 230 Menschen an Bord. Die zwei Ertrunkenen konnten wiederbelebt werden.

Die italienische Marine gibt uns eine neue Anweisung: Wir sollen 400 Menschen an Bord nehmen, die die Küstenwache bei zwei verschiedenen Einsätzen aufgenommen hat.

Der Transfer ist um 5 Uhr 30 am Morgen beendet. Nun befinden sich 630 Personen an Bord der Aquarius.

DIE SCHLIESSUNG DER ITALIENISCHEN HÄFEN

Ich schaffe es nicht, meine Handschuhe auszuziehen. Meine Finger sind zu verkrampft, ich beiße die Zähne zusammen, meine Unterarme sind auf die doppelte Größe angeschwollen. Wir erhalten die Anweisung, Sizilien anzusteuern. Ich spüre, wie die Aquarius Fahrt gewinnt. Es ist 7 Uhr morgens und ich kann nicht schlafen.

Ich sage mir, jetzt ist alles okay, wir haben das Schlimmste hinter uns. Aber da irre ich mich.

Am nächsten Tag, als Sizilien schon in Sichtweite ist und Malta backbord liegt, stoppt das Schiff. Wir werden von Matteo Salvinis Erlass in Kenntnis gesetzt: Die italienische Regierung schließt ihre Häfen.

Was soll das? Wo sind wir hier? Was ist hier los?

Vor 24 Stunden transferierte die italienische Küstenwache 400 Menschen auf unser Schiff und jetzt weigert sich Italien, sie an Land zu lassen?
Das internationale Seerecht, die Hamburg-Regeln, der nächste sichere Hafen, die Pflicht zur Seenotrettung; das alles existiert nicht mehr?

DIE DREITÄGIGE IRRFAHRT DER AQUARIUS

Hier also die Situation:

Die Temperatur beträgt 40 Grad und wir haben 630 Menschen an Bord.

Die Aquarius ist 77 Meter lang und 12 Meter breit.

Überall sind Menschen, viele Kleinkinder, es gibt keinen Schatten.

Um morgens auf die Toilette zu gehen, muss man zwei Stunden Schlange stehen.

Die Essensverteilung, zwei Scheiben Brot und ein Becher Tee, dauert drei Stunden. Nach dem Trauma des Schiffbruchs lösen sich die Geflüchteten langsam aus ihrer Erstarrung und beginnen zu reden. Sie erzählen immer wieder die gleichen tragischen Geschichten:
Was hätte ich denn tun sollen? Ich komme aus einem korrupten Land, wo ich meine Kinder nicht ernähren kann, wo meine Familie nicht sicher ist. Jemand hat mir gesagt, dass Libyen ein freies Land ist. Was machst du dann? Du gehst dorthin. Und wenn du alles aufgegeben hast, wenn du dort angekommen bist, merkst du, dass es dort noch tausend Mal schlimmer ist. Die Milizionäre vergewaltigen zu fünft deine Frau, vor den Kindern, sie filmen es und sagen, dass sie sie das nächste Mal vergewaltigen, bis sie tot ist, und als Nächstes sind dann die Kinder dran. Es sei denn, du zahlst. Alle Kinder zeichnen Vergewaltigungsszenen mit bewaffneten Männern. Sie sperren dich monatelang ein, lassen dich ohne Bezahlung arbeiten, bringen Elektroden an deinen Hoden an. Wenn der einzige Ausweg das Mittelmeer ist, auch wenn du den Tod riskierst, was würdest du machen?

Die Menschen haben Angst. Die Spannung an Bord ist greifbar.

Am dritten Tag, endlich Erleichterung: Spanien lässt uns den Hafen von Valencia anlaufen.

500 Menschen wechseln auf zwei italienische Schiffe und 109 Menschen bleiben an Bord: Familien, unbegleitete Minderjährige und Verletzte.
Und du sagst dir, jetzt können wir aufatmen, uns die Zeit nehmen, miteinander zu sprechen, einander kennenzulernen, zu schlafen, damit all diese Menschen keine „Fremden“ bleiben.

Der zweite Irrtum. Nach wenigen Stunden zieht ein Sturm auf, der Wind bläst mit 40 Knoten, die Wellen sind vier Meter hoch.

Die ohnehin schon geschwächten Geretteten übergeben sich, zittern vor Angst und vor Schmerzen, werden vom Wellengang an Deck hin- und hergeschleudert. Im Innenraum, wo sich die Frauen und Kinder befinden, herrscht Chaos. Überall Erbrochenes.

Ich sehe eine junge Frau auf dem Boden liegen, eine meiner Kolleginnen hält sie fest. Sie gibt ihrem Säugling die linke Brust und übergibt sich gleichzeitig nach rechts.

Um 22 Uhr ist der Sturm zu stark geworden, der Kapitän ordnet an, die Männer nach drinnen zu den Frauen und Kindern zu bringen. Sie haben sowieso nichts mehr im Magen. Sie liegen auf orangen Plastiksäcken. Der Wind und die Wellen machen einen Höllenlärm. Wir haben selber keine Kraft mehr, aber wir müssen die Menschen nach drinnen tragen, in einen zehn Meter langen und drei Meter breiten Raum, wo 109 Menschen dicht an dicht liegen und im Takt der Wellen hin -und herrutschen.

WUT

Ich muss es zugeben. Ja, diesmal empfinden wir Hass. Wut. Scham. Wie immer bei diesen Seenotrettungen. Aber diesmal richten sie sich gegen all diese wichtigen Persönlichkeiten, die für meinen Kontinent, für mein Land und in meinem Namen Entscheidungen treffen.

Wir hören Matteo Salvinis Erklärung. Er wagt es tatsächlich zu sagen, dass „diese Leute nicht auch noch die Dauer und das Ziel ihrer KREUZFAHRT bestimmen dürften“!!

Monsieur Macron ist der Meinung, man dürfe sich nicht „von seinen Gefühlen überwältigen zu lassen“!

Drei Monate später wird man sogar dazu angehalten, „sich nicht von seinen noblen Gefühlen überwältigen zu lassen“.

Kommen Sie doch mal auf unser Schiff! Jetzt gleich! Wir leihen Ihnen auch einen Helm, eine Regenjacke und Gummistiefel!


Kommen Sie! Dann werden Sie sehen, hören und fühlen, was hier passiert. Was vor unserer Tür passiert. Vor Ihren Tür. Sehen Sie diesen Menschen ins Gesicht, hören Sie sich ihre schrecklichen Geschichten an!

Kommen Sie! Vielleicht verstehen Sie es ja dann.

Ich bin sicher, das würde alles verändern. Sie würden die Schreie hören, die Gesichter sehen, die flehend ausgestreckten Hände im Wasser. An Bord hätten Sie Zeit, diese Männer und Frauen kennenzulernen, sich ihre Geschichten anzuhören, von ihren Träumen, ihrem Leben, ihren Ängsten, ihrem Glück zu erfahren. Es sind nicht nur Geflüchtete, es sind Menschen wie Sie und ich.

Sie sind nackt, im wahrsten Sinne des Wortes. Sie verstecken sich nicht hinter irgendwelchen Äußerlichkeiten. Sie bringen nur ihre Menschlichkeit mit.

Haben wir schon vergessen, dass vor 80 Jahren Menschen aus Paris und aus dem Elsass aus den gleichen Gründen gen Süden geflohen sind wie diese Menschen aus Libyen?

Wenn jemand in der Seine ertrinkt, fragst du ihn dann erst einmal, woher er kommt und wohin er geht, bevor du ins Wasser springst und ihn rettest?

Wenn du Zeuge eines Autounfalls wirst, fragst du dann erst einmal nach dem Ausweis des Kindes, das im Auto eingeklemmt ist, bevor du den Rettungsdienst rufst?

Ich habe in der Schule etwas Anderes gelernt. Ich habe gelernt, meine Mitmenschen zu respektieren. Ich habe gelernt, geltendes Recht zu respektieren. Und ich habe gelernt, dass Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit für alle gelten. Keines der internationalen Seeabkommen, die wir auf der Marinehochschule durchgenommen haben, wird derzeit respektiert. Aber ich glaube trotzdem daran.

GLÜCKSMOMENTE

Zwei Tage später nähern wir uns Valencia. Das Wetter hat sich beruhigt, die Leute gehen hinaus aufs Deck an die frische Luft, und jetzt sind wir diejenigen, die zusammenbrechen. Jetzt trösten die Menschen, die wir gerettet haben, uns.

Joshua, ein Schäfer aus Nigeria, beginnt zu beten, zu reden, zu weinen, zu lachen. Ich verstehe kein Wort, aber alle versammeln sich an Deck, unabhängig von Religion, Geschlecht, Alter, Hautfarbe. Wir nehmen einander an den Händen, eine Art Menschenkette bildet sich, meine Hände zittern, ich habe das Gefühl zu fliegen. Maris fängt an zu singen, alle lachen, weinen, haben Tränen in den Augen. Es ist vorbei. Die Kinder tanzen, machen endlich Dummheiten! Sie spazieren mit den Kameras der weinenden Journalisten auf dem Schiff herum. Sie umarmen uns. Es ist einfach unbeschreiblich. So etwas habe ich noch nie erlebt.

Dann lerne ich Samuel kennen, einen der beiden Ertrunkenen, die wir wiederbeleben mussten.

Samuel ist 27, er hat Nigeria vor zwei Jahren verlassen. Er wollte als Maler in Libyen genug Geld verdienen, um in Nigeria ein Studium als Bauingenieur beginnen zu können.

Er hat dieselben Gräuel erlebt wie alle anderen. Er konnte nicht mehr auf dem Landweg zurück. Nach sechs Monaten in einem illegalen Lager und Zwangsarbeit ist er in ein Schlauchboot gestiegen.

Heute arbeitet Samuel als Maler in Madrid. Er geht zur Schule, lernt Spanisch und hofft, in einem Jahr ein Ingenieursstudium beginnen zu können. Und er ist verliebt …

SOS MEDITERRANEE: MENSCHLICHKEIT ALS WERT

Nach Valencia nahmen wir Kurs auf Marseille. Dort trafen wir auf Leute von SOS MEDITERRANEE, die uns von Land aus unterstützen, und erst da wurde mir das ganze Ausmaß der Organisation klar. Wir an Bord sind nur das letzte Glied in einer langen Kette von Menschen. Wir alle zusammen sorgen dafür, dass das moralische und rechtliche Gesetz der Seeleute befolgt wird: die Pflicht, Menschen in Seenot zu retten. So einfach und so schön! Mehr gibt es nicht zu sagen.

Wenig später sagte ein Politiker zu mir:
Ich bewundere, was Sie da machen, Ludo, aber Sie dürfen nicht eine solche Wut haben. Sie haben keinen Überblick über die Situation, Sie kennen die komplexen politischen Mechanismen nicht, Sie wissen nicht, was auf dem Spiel steht. Sie können das alles nicht verstehen.

Ich antwortete:
Monsieur, bitte halten Sie uns nicht für naiv. Wir wissen sehr genau, was auf dem Spiel steht. Ich verstehe durchaus, dass Italien nach 20 Jahren diese Situation nicht mehr alleine bewältigen möchte. Ich verstehe auch, dass Monsieur Macron keinen Präzedenzfall schaffen will. Ich weiß, dass die Seenotrettung und die Aufnahme der Menschen besser geregelt werden muss. Und ich weiß auch, dass Politiker an die nächste Wahl denken müssen, dass die Wähler andere Prioritäten haben und dass es in Europa noch andere Probleme gibt.
Nur eins verstehe ich nicht, Monsieur: Wie kann man all diese Erwägungen über die Menschlichkeit stellen?

*RHIB steht für Rigid Inflatable Boat und bezeichnet die Rettungsschnellboote an Bord