Portrait von Zidane* an Bord des Rettungsschiffes Ocean Viking
#74
In eigenen Worten

“Jahrelang von einem Ort zum nächsten fliehen zu müssen – das ist ein langsamer Tod.“

Zidane* ist 31 Jahre alt und aus dem Jemen. Er wurde zusammen mit 105 anderen Überlebenden aus einem Holzboot in Seenot gerettet. 17 Stunden verbrachte, er im Frachtraum des Bootes – unter Deck zusammengepfercht mit etwa 24 anderen Menschen, unfähig sich aufzurichten.

Insgesamt rettete unsere Crew zwischen dem 31. Juli und dem 1. August 2021 555 Menschen.

Immer auf der Flucht

„Zuerst bin ich auf einem Viehtransporter nach Dschibuti geflohen. Das hat fast zwölf Stunden gedauert. Ich erinnere mich, das war am 1. Mai 2015.“
„Damals gab es viele jemenitische Flüchtlinge in Dschibuti. Dschibuti liegt so nah am Jemen, dass wir die Bomben vom Flüchtlingslager aus hören konnten. Wir lebten in ständiger Angst. Kinder versuchten wegzulaufen, weil sie dachten, dass das Lager bombardiert würde.“

„Das Lager war nicht sicher. Es gab keine richtige Versorgung, keine Arbeit, keine Toiletten. Wilde Tiere streiften nachts umher. Ich sah mit meinen eigenen Augen, wie die Menschen verrückt wurden. Ein Mann hat sich vor meinen Augen selbst angezündet. Die Wunden, die er davontrug, wurden nie behandelt. Kurz darauf zündete er sich erneut an und starb.“

Zidanes Reise führte ihn von Dschibuti nach Äthiopien, in den Sudan, in die Vereinigten Arabischen Emirate, zurück nach Dschibuti und schließlich nach Libyen. Er erklärt, dass er versucht hat, für die Einreise nach Libyen ein Visum zu beantragen. Dieses wurde aber abgelehnt.

„Wenn ich anfange zu erzählen, was ich erlebt habe, werde ich niemals aufhören. In Äthiopien wurde ich 65 Tage lang inhaftiert, weil man mich für einen Schmuggler hielt. Dort habe ich Menschen mit Folterspuren gesehen. Ich kann nicht alles beschreiben, was ich beobachtet habe. Ich bin Schriftsteller: Während ich von einem Ort zum anderen flüchtete, hörte ich mir immer die Geschichten der Menschen an, die etwas erzählen wollten. Dass ich ihre Geschichten bezeugen und erinnern kann, war alles was ich für sie tun konnte. Aber ich schaffe es nicht, mich mit meiner eigenen Geschichte auseinanderzusetzen.“

„Manchmal musste man einen Schmuggler bezahlen, um innerhalb eines Landes von einem Ort zum anderen zu gelangen. Auf meiner Reise wurde ich von jedem dieser Schmuggler gefoltert, geschlagen und gedemütigt. Sie tun alle das Gleiche, nur auf unterschiedliche Art und Weise.“

Auf dem Meer

„Als wir in das Boot [in Libyen] stiegen, schlugen die Schmuggler jeden. Sie hatten Pistolen, die größer waren als mein Arm. Wenn ich jetzt darüber spreche, weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Es kommt mir so unwirklich vor, wie in einem Videospiel.“

„Uns gingen schnell Wasser und Treibstoff aus. Wir hatten kein Satellitentelefon und konnten niemanden kontaktieren. Irgendwann sahen wir ein leeres Boot mitten auf dem Meer. Vielleicht habt ihr die Menschen gerettet, vielleicht wurden sie aber auch nach Libyen zurückgebracht. In dem leeren Boot entdeckten wir kleine Wasserflaschen und einen Benzinkanister. Also fuhren wir weiter und beteten. Wir beteten und beteten, und Gott sei Dank habt ihr uns gefunden.“

Sterben oder die Chance auf ein neues Leben

„Ich wurde in das Immigrant*innen-Leben hineingeboren. Als ich klein war, floh mein Vater mit mir aus dem Irak. Ich sage immer: Ein schneller Tod ist besser als ein langsamer. Jahrelang von einem Ort zum nächsten fliehen zu müssen – das ist ein langsamer Tod. Ich musste eine Entscheidung treffen: Entweder würde ich auf dem Meer sterben oder die Chance auf ein neues Leben bekommen.“

„Viele Menschen haben ihre Hände, ihre Beine, ihren Verstand, ihr Leben verloren. Ich habe noch alles, ich habe noch mein Leben. Wenn ich die Geschichten anderer Menschen höre, fühle ich mit. Für mich selbst habe ich diese Gefühle nicht. Ja, ich bin Schriftsteller, aber ich möchte den Menschen auf eine praktischere, greifbarere Weise helfen.“

„Entschuldigen Sie sich nicht bei mir, sondern bei meinem Land, das es nicht mehr gibt.“

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*Der Name wurde geändert, um die Anonymität der Überlebenden zu schützen.
Bildnachweis: Flavio Gasperini / SOS MEDITERRANEE