Gerettete im Hebammenzimmer an Bord der Ocean Viking
#70
In eigenen Worten

„Ich entkam, weil sie mich für tot hielten.“

[Inhaltswarnung] Der Text beschreibt Gewalt, sexuelle Gewalt, Folter und Zwangsarbeit.

Angèle* ist eine von 68 Frauen und Mädchen, die im Januar 2021 vom SOS MEDITERRANEE Team auf der Ocean Viking gerettet wurden. Die 27-jährige Kamerunerin gab bekannt, dass sie unter starken und anhaltenden Kopfschmerzen litt, seit sie in einem berüchtigten Haftzentrum in Libyen inhaftiert war.

Es war Angèles Wunsch, über die Misshandlungen zu sprechen, die sie während der willkürlichen Haft erlitten und miterlebt hat, und ihre Geschichte zu teilen.


„Ich war fünf Monate im Gefängnis. Osamas Gefängnis, das Schlimmste. Meine Eltern zahlten das Lösegeld, um mich herauszuholen, aber sie ließen mich nicht gehen. Was sie den Frauen dort antun, kann man gar nicht mehr Vergewaltigung nennen. Es gibt keinen Namen für das, was sie den Frauen antun. Es passiert jeden Tag.

Aber zu sehen, wie sie Jungen, Babys vergewaltigen, das ist schlimmer. Sie zwingen die kleinen Kinder, Dinge zu tun. Wenn die Mutter versucht, sie aufzuhalten, vergewaltigen sie sie. Sie haben Waffen, Eisenstangen, sie drücken ihre Zigaretten auf deinem Körper aus. Und sie filmen es. Sie alle haben Telefone, sie filmen alles.

Sie vergewaltigen dich vor deinem Baby, vor deinem Kind, es ist ihnen egal. Wenn du mit deinem Mann ins Gefängnis kommst, vergewaltigen sie deinen Mann vor deinen Augen.

Ich entkam, weil sie mich für tot hielten und zurückließen. Sie warfen mich in einen Container draußen, völlig nackt. So bin ich entkommen.
Die Orte, an denen wir uns aufhalten [wenn wir nicht in Haft sind], nennen wir „Foyers“. Alte Häuser, in denen wir sitzend schlafen. Es können 100 Menschen dort sein, 200 Menschen, Frauen, Kinder. Es können verlassene Gebäude, Keller, unfertige Gebäude sein. Dort ist es nicht sicher.

Die NGOs zu erreichen, ist praktisch unmöglich. Du könntest zurück ins Gefängnis geschickt werden. An dem Tag, an dem die NGOs [das Haftzentrum] besuchen, kleiden dich die Wachen schön. Sie geben dir Essen, damit die NGOs dich in einem guten Zustand finden.

Es gibt keinen Weg zurück. Es gibt keinen Weg zurück.

Irgendwann hatten Vergewaltigungen für mich keine Bedeutung mehr. Ich musste es geschehen lassen. Wenn du dich weigerst, können sie dich töten. Täglich. Wenn du Glück hast, können sie dich verkaufen. Wenn du Glück hast, wirst du an jemanden verkauft, der dich besser behandelt. Weil sie alle Hausangestellte brauchen. Die Reichen kommen morgens, sie fragen nach den Preisen, man könnte verkauft werden, und man könnte Glück haben.

Ich hatte eine Freundin, die kein Glück hatte. Der Mann, der sie kaufte, war noch perverser als die im Gefängnis. Sie überlebte nicht.

Man muss Glück haben. Ich lebte fünf Monate in der Hölle.

Ich sagte mir, wenn die libysche Küstenwache kommt, werde ich mich ins Wasser werfen.
Ich habe die Hölle auf Erden im Gefängnis durchlebt.
Ich habe Schlimmeres als die Hölle durchlebt.
Ich habe überall Zigarettenverbrennungen. Ich trage die Beweise am ganzen Körper.“

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Der Name wurde geändert, um die Identität der Überlebenden zu schützen.
Fotonachweis: Flavio Gasperini / SOS MEDITERRANEE