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In eigenen Worten

„Diese Überfahrt war eine Reise des Todes“

Hassan*, 39 Jahre

Gerettet am 28.03.2016


Übersetzt aus dem Arabischen von Nagham Awada

„Mein Name ist Hassan. Ich bin 39 Jahre alt und komme aus der Sinai-Region in Ägypten.“

Seit der Revolution 2011 hat sich die wirtschaftliche und sicherheitspolitische Situation im Land immer weiter verschlechtert. Es gibt keine Arbeit mehr, somit war ich gezwungen das Land zu verlassen, um meine Familie zu ernähren. Ich bin verheiratet und habe Kinder. In Ägypten habe ich in einer Fabrik gearbeitet. Mein Chef überzeugte einige von uns, nach Libyen zu gehen, wo er einen Geschäftspartner hatte. Wegen meiner Finanzlage konnte ich nirgends anders hin. Einige von uns reisten durch den Sudan um nach Libyen zu gelangen, andere durch die Türkei. Uns wurde versichert, dass die Lage in Libyen sich entspannt hätte, doch als wir dort ankamen, sahen wir überall die mit Einschusslöchern übersäten Gebäude.

Ich blieb ein Jahr lang in Libyen. Ich arbeitete in dem selben Bereich wie einst zu Hause. Die ersten drei Monate wurde ich noch voll bezahlt, doch danach fingen sie an, uns wie Sklaven zu behandeln und uns zu missbrauchen. Sie zwangen uns dazu, in Lagerhallen und auf dem Bau zu arbeiten. Der ägyptische Boss wurde von den Milizen geschützt und somit arbeiteten wir umsonst. In den letzten vier Monaten konnte ich meiner Familie kein Geld mehr zukommen lassen. Sie gaben uns kaum etwas zu essen und wir mussten verunreinigtes Wasser trinken. Wir wohnten in unserer Arbeitsstätte. Ich wohnte gemeinsam mit ein paar anderen Ägyptern und Libyern.

Die Lage in Libyen ist sehr instabil. Die Menschen „essen“ einander förmlich, die Milizen bekämpfen sich gegenseitig. Es ist ein ständiger Machtstreit. Teenager sind schwerer bewaffnet als Erwachsene. Jeder, der eine Waffe trägt, kann seinen eigenen Checkpoint etablieren und Lösegeld fordern. Sie haben sehr starke Waffen. Jeder kann eine Uniform tragen und sich als Polizist ausgeben. Jeder kann bestochen werden. Wenn man jemanden besticht, kann man sich alles kaufen.

Überall in Libyen werden Menschen entführt und festgehalten, um Lösegeld für sie zu fordern. Es ist die einzige Einnahmequelle dieser Leute. Ein Menschleben hat für sie keine Bedeutung. Sie würden für eine Anzahl von Gründen töten. Jede Region wird von einer anderen Miliz kontrolliert. Die Milizen teilen die Wirtschaft untereinander auf. Sie haben kein Interesse, das Land wieder aufzubauen.

Vor einer Woche bin ich in einen Hinterhalt geraten. Ich wurde zwischen Autos ohne ersichtbare Kennzeichen festgehalten. Sie versuchten mich zu fangen und zu entführen. Durch schieres Glück gelang es mir zu entkommen. Danach fühlte ich mich gefangen in Libyen, ich konnte die Situation nicht weiter aushalten. Meine einzigen Optionen waren Suizid oder das Land zu verlassen. Also entschied ich mich so schnell wie möglich zu fliehen. Ich konnte jedoch nicht zurück nach Ägypten, da es dort keine Arbeit gibt und sich meine Familie auf mich verlässt.

Dies war mein erster Versuch, Libyen zu entkommen. Mein Smartphone, das ich aus Ägypten mitgenommen hatte, musste ich verkaufen, um die Überfahrt bezahlen zu können. Die einzige Telefonnummer, die ich noch habe, ist die von zu Hause. Ich war sicher, dass ich umkommen würde. Ich habe noch nicht mal irgendwelche Ausweispapiere bei mir. Die hat mein Boss in Libyen bei sich behalten. Ich habe meiner Familie von meinem Plan erzählt. Meine Mutter hat versucht, es mir auszureden. Daraufhin musste ich sie anlügen und ihnen gegenüber behaupten, dass ich auf einem Handelsschiff überfahren würde.

Als wir die Ufer von Tripolis verließen, waren es vier Boote. Normalerweise hat jedes Boot Platz für etwa 100 Menschen. Doch die Schmuggler, die viel Macht und Waffen haben, packen 135 Menschen auf die Boote. Normalerweise nehmen sie für die Überfahrt 1200 libysche Dinar (779 Euro), manchmal sogar bis zu 1500 LD (974 Euro). Doch manchmal müssen sie die Boote um jeden Preis füllen und verlangen nur 800, 500 oder manchmal sogar nur 400 LD. Das ist denen egal. Die haben Lagerhallen voller Boote und sie wissen sowieso, dass sie uns in den Tod schicken. Sie suchen zwei Migranten aus und zeigen ihnen, wie man den Motor benutzt. Sie geben ihnen ein GPS, und erlauben ihnen, umsonst zu reisen. Normalerweise schicken sie 1000 Menschen pro Tag. Dafür müssen sie die Polizei bestechen.

Du bist tot, egal ob du gehst oder bleibst, also ist es immer besser zu gehen. Es waren viele Schmuggler, sie kamen mit 4X4s und sie alle waren bewaffnet. Sie haben uns mit ihren Waffen bedroht, damit wir in die Boote steigen. Sie haben in die Richtung eines Mannes geschossen, doch haben ihn nicht getroffen. Wir waren 135 Menschen, einer auf dem anderen. Sie haben Menschen auf uns draufgeworfen.

Wir sind morgens um 3:30 Uhr abgefahren, ohne Wasser und Essen. Ich hatte Angst. Erst dann wurde mir bewusst, was ich tat und ich fragte mich, wie ich mich in dieses Höllenloch gebracht hatte. Ich hatte mir zuvor eine Rettungsweste gekauft, wie auch ein bis zwei weitere, aber die meisten von uns hatten keine. Nach einigen Stunden ging der Motor kaputt. Es vergingen noch ein paar weitere Stunden, bevor wir von dem italienischen Schiff gerettet wurden. Wir fühlten uns dem Ende nah, dort inmitten des Meeres. Menschen weinten. Die Wellen schubsten uns hin und her. Es war eine sehr schwierige Erfahrung, die wir in den Stunden machten, in denen das Boot nur so vor sich hin trieb. Man fühlt sich verloren, überall nur Wasser. Ich wartete nur darauf zu sterben. Ich dachte an meine Familie, an meine jüngere Schwester, die noch unverheiratet ist, an meine Eltern. Sie alle zählten auf mich. Diese Art Schiff schafft es nicht mehr als 30 Kilometer. Sie verwenden sehr schwache Motoren, zu schwach für solch eine große Distanz.

Wir hatten jegliche Hoffnung verloren, und waren so dankbar, als wir gerettet wurden. Auf dem Rettungsschiff fühlte man sich wertgeschätzt, sie behandelten uns mit Würde und Respekt, sie gaben uns etwas zu essen, anders als in Libyen, wo sie nur die Sprache der Waffen verstehen. Wir hatten seit zwei Tagen nichts gegessen. An Bord dieses Schiffes (der Aquarius) wurden wir wie Menschen behandelt. Das reicht uns schon. In Libyen waren wir bloß Sklaven.

Diese Überfahrt war eine Reise des Todes. Ich würde niemandem empfehlen, auf diese Weise zu reisen. Ich werde meinen ägyptischen Freunden, die noch in Libyen sind, davon abraten, ihr Leben auf dieser Überfahrt zu riskieren. Aber sie sind so verzweifelt, sie wollen um jeden Preis das Land verlassen.

Ich kann es immer noch nicht glauben, dass ich gerettet wurde und nun an Bord dieses Schiffes bin. Die Überfahrt war mein schwierigstes Erlebnis. Ich kann momentan gar nicht klar denken. Ich kann es kaum glauben, dass ich noch am Leben bin. Ich bin sehr traumatisiert. Ich kann nicht aufhören zu denken. Die Bilder des Erlebten lassen mich nicht los. Die haben versucht uns in den Tod zu schicken.“

*Name von der Redaktion geändert


Anmerkung der Redaktion:

Eines der Ziele von SOS MEDITERRANEE ist es, denjenigen eine Stimme zu geben, die anders nicht gehört werden würden. Wir möchten über die Lebensgeschichten von geflüchteten Menschen berichten, ihre Erfahrungen und Erinnerungen dokumentieren, damit sie keine Nummer mehr in der dominanten medialen Berichterstattung über „Migrationsströme“ und „Scharen von Einwanderern“ sind. Wir sehen dies als Teil unserer Bemühungen, den Migrationsbewegungen, die wir in Europa in den letzten Monaten in all ihrer Vielfalt beobachten können, ein konkretes, ein menschliches Gesicht zu geben. Die Menschen, die wir gerettet haben, sind aus Kriegs- und Konfliktzonen geflohen, in der Hoffnung auf eine selbstbestimmte Zukunft für sich und ihre Familien – ein Wunsch, den wir nur zu gut nachvollziehen können.

Wir möchten außerdem betonen, dass alle diese Zeugnisse mit Zustimmung der jeweiligen Personen veröffentlicht werden. Einige persönliche Angaben wie Namen und Orte werden zum Schutz der Personen von der Redaktion geändert. Den Wunsch derjenigen, die weder interviewt noch fotografiert werden möchten, respektieren wir.