#10
In eigenen Worten

„Ich hatte entschieden, dass es besser war, auf See zu sterben, als in der Nähe von jemandem zu wohnen, der mich umbringen wird.”

Zeugnis Xavier*


Mit jedem Einsatz bringt die Aquarius zwischen 100 und 400 Menschen an Bord oder nimmt diese von anderen Schiffen auf. Einige flüchten vor religiöser oder politischer Verfolgung. Andere versuchen aus Ländern und Regionen zu entkommen, in denen Krieg und Terror ihr Leben bedrohen. Viele fliehen vor extremer Armut. Xavier, von der Elfenbeinküste, gehört zu keiner dieser Kategorien.

„Alles, was ich wollte, war, so weit wie möglich vom zweiten Ehemann meiner Mutter wegzukommen“, sagt er.

„Mein kleiner Bruder und ich haben unseren Vater vor einigen Jahren verloren. Meine Mutter hat wieder geheiratet und ihr neuer Mann hat uns nie wirklich anerkannt. Er hat uns geschlagen, misshandelt; er war Trinker. Wir hatten Angst, dass wenn wir an der Elfenbeinküste blieben, würden er und seine Freunde uns finden und uns etwas antun oder uns töten. Wir lebten in Angst vor dem, was er als Nächstes tun würde. Meine Mutter hat ständig Angst vor ihm, ich mache mir Sorgen um sie.“

Vor einigen Wochen war das Fass endgültig voll. Xaviers Stiefvater schlug ihn mit einem schweren Schläger auf den Arm und brach ihm vermutlich den Knochen. Xavier rannte mit seinem 16 Jahre alten Bruder und seinem Cousin zusammen weg. Er ließ sein Land, seine Familie, sein Wirtschaftsstudium und seine Karrierepläne hinter sich. „Wir gingen einfach wohin der Wind uns trug“, sagt er. „In der Wüste musste ich mich mit nur einem Arm am Lastwagen festhalten. Mein anderer Arm war geschwollen und tat so weh, dass mir schwindlig wurde. Mein Bruder und mein Cousin hielten mich fest, damit ich nicht runterfiel.“

„Als wir in Libyen ankamen, blieben wir ca. 2 Wochen in einem Camp mit anderen Afrikaner*innen. Niemand verließ jemals das Camp. Wir merkten recht schnell, dass wir nicht in Libyen bleiben konnten. Wir hörten uns um, sprachen mit anderen Afrikaner*innen und kamen in Kontakt mit den Schmugglern.“

Bevor das Boot den Strand verließ, bemerkte Xavier, dass etwas nicht stimmte. „Das Boot war beschädigt. Man konnte hören wie Luft rauskam. Aber ich setzte mich rein. Ich hatte mich bereits entschieden, dass es besser war auf See zu sterben als in der Nähe von jemandem zu wohnen, der mich letztendlich umbringen wird.”

Für Xavier, seinen Bruder und seinen Cousin war die Qual auf hoher See nach vier Stunden zu Ende. Sie wurden von der Phoenix aufgenommen, einem Rettungsboot der Maltesischen Hilfsorganisation MOAS (Migrant Offshore Aid Station). Mit eingegipstem Arm wurde Xavier, zusammen mit anderen auf medizinische Hilfe angewiesenen Menschen, auf die Aquarius verlegt und nach Messina gebracht. Sein Bruder und sein Cousin wurden ebenfalls auf ein anderes Schiff verlegt und in einen anderen italienischen Hafen gebracht. Xaviers oberste Priorität ist es nun, die beiden zu finden. Und dann?

„Ich weiß nicht wirklich, was ich machen werde. Alles was ich wollte, war wegzukommen.“

 

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*Name geändert

Interview: Ruby Pratka
Übersetzung: Juliane Kraus
Photo credit: Isabelle Serro