#11
In eigenen Worten

Geschichte einer Flucht

Testimony Osman*

Wenn man als Aquarius-Crewmitglied etwas über Somalia lernen möchte, gibt es keinen besseren Guide als Osman. Stets interessiert daran, sein Englisch zu verbessern, erzählt er von der unbekannten Schönheit seiner Heimat, im Westen vorwiegend als Herd der Instabilität bekannt.

„Ich komme aus Mogadishu. Der Hauptstadt Somalias. Es ist ein wunderschöner Ort. Reich an Ressourcen, wie Elfenbein, Kohle und Gas. Wir haben eine Menge Fisch, viele Blumen und Bäume; und einen Zoo voller Tiere.“

„Al-Shabaab verdirbt alles dort. Sie töten junge Somalier, wie uns. Fremde jedoch lassen sie in Ruhe. Ihr solltet also dort hin!“ Er fasst die Situation seines Landes zusammen, mit der Präzision eines politischen Analytikers und der Naivität eines ewigen Optimisten. „Die somalische Bevölkerung besteht aus drei großen ethnischen Gruppen mit mehreren Untergruppen. Sie kämpfen untereinander, weil jeder von ihnen Präsident werden möchte. Irgendwann werden sie zu einer Vereinbarung kommen. Sobald diese steht, werden die Probleme verschwinden.“

Osman hat Bauingenieurwissenschaften in Äthiopien studiert und träumt von einer Zukunft als Ingenieur oder Informatik-Lehrer in Somalia – eines Tages, wenn das Land sicher ist. Die ständige Gefahr von Angriffen durch die Al-Shabaab-Miliz und deren gewaltsamen Rekrutierungen zwangen ihn dazu, sich nach seinem Studium Richtung Norden aufzumachen „Du musst bezahlen, um ans Meer zu gelangen.“ Osman hat viel bezahlt. Er verbrachte zwei Monate im Gefängnis; einen davon im Sudan und einen in Libyen. Beide Male musste er 2000 Dollar bezahlen, um entlassen zu werden. „Besonders spürbar sind die Probleme in Libyen. Sie erschießen Menschen, töten sie. Wenn du krank wirst, stirbst du, weil es keine medizinische Versorgung gibt. Sie sperren dich ein, kein Essen, kein Licht, keine Luft. Sie sperrten uns alle in ein Haus auf der Suche nach attraktiven Mädchen und vergewaltigten sie. Ich habe mit meinen eigenen Augen ansehen müssen, wie sie ein äthiopisches Mädchen aus unserer Gruppe vergewaltigten und umbrachten. Wenn du deinen Mund aufmachst, bringen sie dich um.“

„Beim zweiten Mal half mir mein Bruder das Lösegeld zu bezahlen. Anstatt mich freizulassen, befahlen sie mir: ‚Steig ins Boot und geh‘. Ich weiß nicht, wohin ich gehen werde. Das einzige, was ich weiß, ist, dass mein Bruder mir geholfen hat, dort rauszukommen. Jetzt ist es meine Aufgabe, ihm zu helfen.“

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*Name geändert

Interview: Ruby Pratka
Übersetzung: Franziska Schneider
Photo: Isabelle Serro