#14
In eigenen Worten

,,Wir haben keine Aussichten in dieser Gesellschaft in Guinea“

Ich lernte diese Gruppe junger Männer aus Guinea an Board der AQUARIUS kennen. Sie waren unter den Kindern, Frauen und Männern, welche Mitte September 2016 durch SOS MEDITERRANEE von den Schlauchbooten in Seenot gerettet wurden.

Die jungen Männer zwischen 16 und 20 blieben stets zusammen an Deck. Ein völlig normales Verhalten, wenn man bedenkt, wie viele Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern wir retten. Dieses Mal stammten die Menschen aus 15 verschiedenen afrikanischen Ländern, die guineische Gruppe bestand aus 42 Leuten. Die Frauen, Männer und Kinder bleiben meist in Gruppen mit Menschen desselben Landes. Einige sammelten sich in diesem Bereich des Decks, andere hatten es sich bereits in einer anderen Ecke des Schiffes gemütlich gemacht. Die Gruppen bleiben auch weiterhin zusammen.

„Wir wollen dort hin, wo wir uns sicher fühlen. Wo wir herkommen ist es nicht sicher für uns.“, sagt einer der jungen Männer aus Guinea. „Wir haben verschiedene ethnische Gruppen in Guinea. Wir gehören zu einer Minderheit. Die andere Gruppierung kontrolliert alles.“, erzählt ein anderer.

Die Situation in Guinea ist seit Jahren instabil. Die ethnischen Probleme des Bürgerkriegs im benachbarten Liberia, welcher 2003 endete, wurde auch in Guinea deutlich spürbar. Verschiedene ethnische Gruppen unterstützten andere Gruppen in Liberia, was zu internen Spannungen in Guinea führte. Immer wieder gibt es Angriffe mit Verlusten zwischen den ethnischen Gruppen.

„Wir haben keine Aussichten in dieser Gesellschaft in unserem Land. Die anderen kontrollieren alles und wir können nicht arbeiten, finden keine Arbeit, haben kein Geld, wir werden nicht akzeptiert. Keine Chance für uns. Also verließen wir Guinea.“, berichten die Männer.

Einige der Minderjährigen haben ihre Eltern verloren, andere mussten auf der Suche nach einer besseren Zukunft ihre Liebsten verlassen. Meist führt sie ihre unsichere Reise durch andere benachbarte Länder, in denen sie versuchen zu arbeiten. Die meisten enden dann in Libyen, wo sie hoffen gut bezahlte Arbeit zu finden. Doch das ist der Realität sehr fern.

„In Libyen wurden wir mit Fäusten und Waffen geschlagen. Wir arbeiteten, wurden aber nie bezahlt. Morgens gab man uns eine Kartoffel zu essen – für den gesamten Tag. Wir haben kein Trinkwasser bekommen, nur Salzwasser. Selbst Kinder laufen mit Waffen herum. Es ist gefährlich. Sie schießen, ohne etwas zu sagen. Es war der Horror für uns. Wir mussten dieses Land verlassen.“

Einige der Männer sagen, dass sie studieren möchten; andere wiederum wollen einfach nur arbeiten. Sie sprechen Französisch aber kein Englisch und wissen noch nicht, in welches Land sie letztlich wirklich möchten. Wie haben sie vor,  weiter zu machen, nachdem sie in Italien angekommen sind?

„Wir wissen es noch nicht. Ich will nach Norwegen“ sagt einer der jüngeren. Ich sage ihm es ist recht kalt in Norwegen. Er schaut mich mit großen Augen an „Sehr kalt?“ Ich sage ihm es kann bis zu Minus 20 Grad kalt werden. Stille. Dann lachen alle. „Es ist immer noch besser als da, wo wir herkommen. Wir werden alle diese Wollmützen tragen“ und er zeigt auf einen seiner Freunde in der Gruppe, der eine Art Ski Mütze trägt – bereits hier auf dem Schiff bei 30 Grad Lufttemperatur.

Ich musste lachen und habe ihnen alles Gute gewünscht, wissend, dass es schwer für sie werden wird, aber hoffentlich besser, als das, was sie bisher erlebt hatten.

 

Text: René Schulthoff

Photo Credits: Marco Panzetti / SOS MEDITERRANEE

#TogetherForRescue