#18
In eigenen Worten

„Selbst wenn es dir in Europa dreckig geht, ist es immer noch besser als dort.“

Zeugnis von A. aus Togo


„Ich danke Gott, dass er uns ein Rettungsboot geschickt hat, sonst wären wir alle tot!“ Ein grünes Frotteehandtuch um den Kopf gewickelt, sitzt A. im Schatten vor der Krankenstation und wartet, bis er an die Reihe kommt. Wie bei einem Dutzend weiterer, von einem anderen Schiff übernommener Geflüchteter hat das Gemisch aus Salzwasser und Treibstoff während der Überfahrt im Schlauchboot seine Haut zerfressen und seine schweren Verätzungen müssen vom medizinischen Personal täglich neu versorgt werden.

A. gehört zu den 120 Menschen, die am Abend des 23. Oktober von der AQUARIUS an Bord genommen wurden, nachdem ihnen ein paar Stunden zuvor ein anderes Schiff, die Dignity I, zu Hilfe gekommen war. Er steht noch immer unter Schock und erinnert sich nur dunkel an die Überfahrt.

„Auf einmal merkte ich, dass Wasser unter meinen Füßen war. Eine Frau neben mir sagte, dass nur eine Welle über Bord geschwappt sei. Aber ich glaube, in Wahrheit hatte das Boot ein Leck.“ Er versucht, sich genau zu erinnern. „Dann wurde mir klar, dass ich nicht mehr auf dem Holzboden des Schiffes saß, sondern im Wasser, und es stieg und stieg immer höher. Wir versuchten, das Wasser mit unseren Kleidungsstücken über Bord zu schöpfen, weil wir nichts anderes hatten. Einige an Bord waren damit nicht einverstanden. Wir saßen ganz unten im Boot, und die anderen wollten uns nicht helfen. Das Boot wurde runtergedrückt und faltete sich zusammen wie ein V. Die, die über uns saßen, rutschen zu uns nach unten. Frauen und Kinder, und wir darunter, wir konnten nicht mehr aufstehen. Und dann war da dieser Benzingeruch, von dem einem ganz schwindlig wurde, ich fühlte mich wie betrunken, dann wurde ich ohnmächtig, und als ich gerade wieder zu mir kam, schlug mir jemand die Faust ins Gesicht und ich fiel ins Wasser, ich habe mich an einer Schwimmweste festgeklammert und dann hat mich jemand auf das Schiff gezogen.“

A. fragt mich, wo die jungen Frauen sind, die mit ihm in dem Schlauchboot waren. Eine Antwort ist schwierig, zurzeit sind 520 Personen an Bord der Aquarius. „Ich frage mich, wo die Leute geblieben sind, denn ich habe nichts mitbekommen. Ich hab sie nicht mehr gesehen, ich habe erfahren, dass alle, die neben mir saßen, ertrunken sind. Da war auch eine Familie, der Vater, die Mutter und das Kind …“ Er vergräbt das Gesicht in den Händen.

A. stammt aus Togo. Er sagt, er sei 30 Jahre alt, aber mit seinem eingefallenen Gesicht und dem schütteren, graumelierten Bart sieht er viel älter aus. Er ist über Benin, den Tschad und Algerien nach Libyen gelangt. „Ich war sehr lange in Libyen, aber ich wünsche niemandem, das zu erleben, was ich dort erlebt habe. Sie zwingen dich, Dinge zu tun, die kein Mensch tun sollte. Irgendwann musste ich da weg. Eigentlich wollte ich gern wieder nach Hause, aber ich konnte nur immer weiter fliehen. Sie lassen dich nicht nach Togo zurückkehren, die einzige Möglichkeit, da rauszukommen, ist hier übers Meer. Und selbst wenn’s dir in Europa dreckig geht, ist es immer noch zehn Mal besser als dort.“

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Text: Mathilde Auvillain
Übersetzung: Frauke Rother & Sonja Finck
Photo: Fabian Mondl