#3
In eigenen Worten

„Hier auf dem Boot sehen wir zum ersten Mal so viele Menschen“

Zeugnis von Leon & Sophie*


Leon, in seinigen Dreißigern, klettert die Leiter vom Rettungsboot hoch auf das Deck der Aquarius. Er dreht sich um und wartet auf jemanden, seine älteste Tochter Nora. Er hält sie an sich gedrückt, trocknet ihre Haare mit einer Decke. Einige versuchen sie zum Lachen zu bringen, doch sie bleibt still. „Sie ist vier. Sie kommt aus Libyen.“

Leon ist Elektriker, seine Frau Sophie ist Mathelehrerin. Sie kommen aus Kamerun. Er pendelte zwischen Libyen und Kamerun, bis er 2012 seine Frau nach Libyen brachte. Nora, Oliva und Rose wurden in Tripolis geboren.

„Als ich das letzte Mal in Kamerun war, wurde mir bewusst, dass es dort nichts für mich gibt,“ sagt Leon. „Aber in Libyen wurden wir verfolgt. Ich wurde mehrmals entführt und sie forderten eine Menge Lösegeld von mir. Ich kam frei, da ich Arabisch sprach. Manchmal wurde ich von den Libyern an die Polizei übergeben. Ich erklärte, dass meine Kinder Libyer seien und sie ließen mich frei.“ Im März entschied sich die Familie, das Land zu verlassen. „Zu viel Terrorismus, zu viele Entführungen, die Mädchen mussten immer versteckt im Haus bleiben. Hier auf dem Boot sehen sie zum ersten Mal so viele Menschen,“ sagt Leon. „Zuvor dachte ich niemals, dass ich nach Europa gehen würde, doch während der letzten paar Monate wurde uns die Situation in Libyen einfach zu viel.“

Er fand Arbeit – was er als Wunder bezeichnet – und bezahlte Schlepper. Er und seine Familie mussten in einem Camp warten. „Wir dachten, dass wir am Tag nach der Zahlung abreisen würden, doch wir warteten, eingepfercht in einem Haus mit 200 anderen Menschen. Meine Töchter haben zwei Monate lang kaum etwas gegessen. Aber wir schafften es bis zum Tag als sie uns ins Boot brachten. Die Wellen waren hoch, doch wir hielten uns fest und beteten.“

„In Libyen lebten wir in ständiger Angst vor Gewalt oder Mord“, sagt Sophie. „Für die Mädchen würden wir gerne an eine Zukunft denken können.“

Sophie träumt davon an eine Schule zurückzukehren und ihre Arbeit als Lehrerin wieder aufzunehmen. Aber erst möchte sie, dass ihre Familie ein Bad nehmen kann. Das konnten sie seit drei Monaten nicht mehr. „Wenn man nicht sauber ist, wie kann man da eine Zukunft planen?“

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*Namen von der Redaktion geändert.

Protokoll: Ruby Pratka
Übersetzung: Lea Main-Klingst
Foto: Yann Merlin / SOS MEDITERRANEE