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In eigenen Worten

„Selbst wenn unsere Familien anrufen, sagen wir ihnen nichts. Damit sie sich keine Sorgen machen.“

Zeugnis einer Gruppe von Jugendlichen

Es ist früher Dienstagnachmittag auf der Brücke der Aquarius. Das Schiff segelt entlang der sizilianischen Küste auf dem Weg nach Augusta, einem Hafen an der Ostküste. Dort wird die Aquarius halten und die Menschen von Bord lassen, die am tragischen Wochenende vom 27. Januar gerettet wurden. Eine Gruppe Jugendlicher zeichnet auf hierfür aufgestellten Tischen. Sie kommen aus der Elfenbeinküste, aus Mauretanien, Kamerun (…).

Einer von ihnen zeichnet einen gewöhnlichen Lastwagen, mit drei Buchstaben auf der Seite: ”SOS”. Daraufhin erklärt er: “Ich war in Tripolis und in az-Zawiya im Gefängnis. Jeden Morgen wurden wir geschlagen. Unser Essen war ein Brot pro Tag. Wir konnten uns nicht waschen.” Diese wenigen Sätze sind wie ein Signal, ein Auslöser für den Ausbruch von zurückgehaltenen Gefühlen, der nur möglich ist, weil endlich ein Gefühl der Erleichterung und Sicherheit entstanden ist. Eine Stunde lang folgt Geschichte auf Geschichte der Geflüchteten – Überlebende der “libyschen Hölle”. Eine ungeordnete Flut von Worten erzählt von Entbehrungen und Folter. Trotz des erlebten Grauens und der Narben, die sie ein Leben lang mit sich tragen werden, schaffen sie es, zu lachen, weil sie noch am Leben sind.

Einer aus der Gruppe – er kommt aus Mauretanien und ist in Kamerun aufgewachsen – erzählt seine Geschichte, wie er in einem Camp nahe der algerischen Grenze festgehalten wurde: “Ich war nach Algerien gekommen, um nach Arbeit zu suchen. Meine Mutter und meine kleinen Brüder sind in Kamerun geblieben. Dann kam ein Libyer und sagte, dass es in Sabratha Arbeit gebe. Viele Mauretanier sind dort. Aber am Ende waren wir dann in diesem Camp.Die Libyer haben uns gesagt, dass wir als Geiseln dort gehalten werden und wenn wir auffallen würden, würden sie uns erschießen.”

 

“In Libyen sind Schwarze nur Ware oder Sklaven”

Sie alle waren mehrmals in Gefängnissen, oft aufgrund von Verlegungen, bei denen sie gekauft und wieder verkauft wurden – simple Ware, gegen Lösegeld gehandelt: Die Gefängnisse sind nicht staatlich und die Polizisten und Soldaten, die uns festnehmen, sind einfach bewaffnete Milizen”. Die traumatischen Erinnerungen daran, wann sie wie lange wo waren, sind manchmal verschwommen. Es gibt jedes Mal kaum Hoffnung, diesen Orten wieder zu entkommen, wenn die Familie und Freunde das Lösegeld nicht bezahlen (können). Jede Nationalität hat einen anderen Preis: “Ein Kameruner ist 2000 Dinar (ca. 1200 Euro) wert, jemand aus Mali 1200 Dinar (ca. 720 Euro)”. Der Junge aus Mauretanien erzählt, wie er ein anderes Mal mitten auf der Straße von Männern, “mit Kalaschnikows bewaffnet”, gekidnappt und in einem schwarzen Geländewagen zum Haus von einem der Männer gebracht wurde. Dort angekommen, wurden von ihm 300 Euro verlangt.

 

“Du musst deine Hand flach auf einen Tisch legen, und dann schlagen sie mit einer eisernen Stange drauf.“

Kurze Zeit später wurde der Junge an eine andere Gruppe übergeben und im “Container-Gefängnis: eins der schlimmsten in Libyen” festgehalten. Es liegt in Garian. Wie der Name schon andeutet, sind die Zellen tatsächlich Container, die “niemand betritt oder verlässt: Wir bleiben da, bis jemand das Lösegeld zahlt”. Man bekommt Suppe durch ein Gitter. Diese Suppe “enthält etwas, das uns zum Schlafen gebracht hat”. Derselbe Junge spricht vom Gefängnis in Tripolis, wo die Wärter jeden Morgen Schläge verabreichten – eine tägliche Routine, die eine “tödliche Stille” zur Folge hat. Sein Nachbar, ein Junge aus der Elfenbeinküste, ging nach Tripolis, um seinem Bruder zu folgen, der dort in einer Fabrik arbeitet. Trotz seines jungen Alters wurde er festgenommen und er erzählt von der gängigen Folter durch die Geiselnehmer: “Du musst deine Hand flach auf einen Tisch legen, und dann schlagen sie mit einer eisernen Stange drauf. Und wenn du die Hand zurückziehst, schlagen sie dir auf den Kopf”.

 

„Wenn du sagst, du hast kein Geld, zielen sie direkt auf dich“

Ein älterer Mann schließt sich unserer kleinen Gruppe an. Er hat zwei Jahre in Libyen verbracht und sagt, davon war er insgesamt ein Jahr in verschiedenen Gefängnissen. Er zeigt uns ein Einschussloch in seinem Schienbein. Er erklärt, dass die Wärter ihn nach dem Schuss ins Bein mit gefesselten Händen in Wasser getaucht haben, um die Wunde zu verschlimmern: “Wenn du sagst, du hast kein Geld, zielen sie direkt auf dich”. Er spricht auch über seinen Bruder, der von den Kidnappern erschossen wurde; sein Bruder stotterte, und als er eine Frage deshalb nicht beantworten konnte, töteten sie ihn. Er erzählt, dass er in einer Nachbarschaft in Sabratha für alle als Sklave arbeiten musste. Es scheint unmöglich, die Gewalt zu vergessen: “Jedes Mal, wenn ich mich im Spiegel anschaue, sehe ich die Narben aus Libyen auf meinem Körper”, sagt der junge Mauretanier. Andere hingegen, die nicht im Gefängnis waren, haben diese Erfahrungen so gut es geht versucht zu vermeiden. Sie erzählen: “Darum leben wir versteckt, in kleinen Communities. Selbst wenn unsere Familien anrufen, sagen wir ihnen nichts. Damit sie sich keine Sorgen machen. Wir erzählen nur, dass es uns gut geht, dass wir Arbeit haben, dass wir Geld verdienen”. Abschließend sagt der Junge aus der Elfenbeinküste jedoch: “Wenn die Leute, die durch Libyen gereist sind und dort gefoltert wurden, mich gewarnt hätten, wäre ich nie von Zuhause fort.”

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Übersetzung: Anna Kallage
Foto: Federica Mameli / SOS MEDITERRANEE