#45
In eigenen Worten

„Sie trieben uns weiter, nahmen uns alles, was wir hatten und schlugen uns, wenn wir kein Geld hatten.“

Am 5. Mai 2017 rettete das Team von SOS MEDITERRANEE in internationalen Gewässern 731 Menschen, darunter eine 26-jährige Frau aus Nigeria. Sie hat mit mir ihre Geschichte geteilt.

Während die junge Frau anfängt zu erzählen, stillt sie ein drei Monate altes Baby. Sie hat noch zwei andere Kinder (drei und vier Jahre alt), die in ihrem Heimatland bei ihrer Mutter geblieben sind. Sie hat sich dazu entschieden, die beiden nicht mitzunehmen, weil sie wusste, dass Libyen ein sehr gefährliches Land ist. Allerdings dachte sie, dass es auch ein reiches Land sei, in dem es einfach wäre, Arbeit zu finden.

Ihr Leben in Nigeria, sagt sie, war sehr hart. Sie lebte in einem kleinen Dorf mit ihrer Familie: Ihrer Mutter und ihren vier Brüdern; der Vater war verstorben. Ihre Mutter litt sehr darunter, dass sie nicht wusste, wie sie ihre fünf Kinder ernähren soll. Sie hatten gar nichts, nicht mal ein Zuhause und wohnten auf der Straße. Auch zu essen hatten sie wenig. Wenn sie krank wurden, konnten sie sich auch nicht behandeln lassen: „Wenn du kein Geld hast, hilft dir im Krankenhaus niemand“, erzählt sie. Immerzu weinte ihre Mutter deswegen. Sie mussten viel Leid ertragen.

Zum Glück konnte ihre Großmutter ihr Studium in Kaduna, einer Stadt im Norden des Landes, finanzieren. Als sie mit dem Studium fertig war, ging sie in ihr Dorf zurück und machte dort ein kleines Geschäft auf, um ihrer Familie zu helfen. Mit 20 heiratete sie einen 32-jährigen Mann, den ihre Mutter für sie ausgesucht hatte. Das Leben wurde allerdings nicht einfacher. Sie waren immer noch sehr arm und entschieden sich darum, nach Libyen auszuwandern.

2016 verließen sie Agadez. Die Durchquerung der Wüste dauert einen ganzen Monat. „Oh ich kann dir gar nicht sagen, wie schwierig es war. Kein Essen, kein Wasser! Sie trieben uns weiter, nahmen uns alles, was wir hatten und schlugen uns, wenn wir kein Geld hatten. Sie haben alle so schlimm verprügelt! Ich habe gesehen, wie sie ein nigerianisches Mädchen an einen Zuhälter verkauft haben. Es war so hart“, erzählt sie.

„Aber wir kannten nicht die ganze Wahrheit; dass sie in Libyen Schwarze hassen. Sie wollen sie nicht dahaben und sehr oft schießen sie auf Schwarze. Mein Mann wurde von Libyern umgebracht.“

Sie berichtet, dass ihr Mann Bauarbeiter bei einem Bauunternehmen war. Sie selbst arbeitete nicht, da sie zu der Zeit schwanger war. Sie versuchte ein bisschen Geld zu verdienen, indem sie am Straßenrand Kerosin in Plastikflaschen verkaufte, aber wurde nie bezahlt.

„Es war gefährlich, dass Haus zu verlassen. Immerzu haben Männer geschossen. Leute wurden umgebracht, ohne zu wissen, warum. Du verstehst nur, dass sie Schwarze hassen und überall nach Geld suchen“, erzählt sie. Eines Abends hatte sie ihr Kind auf dem Arm, als ein libyscher Mann anhielt und sie aufforderte, ihm ihr Baby zu geben. Sie drückte es an sich und rannte los. Schließlich konnte sie dem Mann entkommen.

Weniger als einen Monat vor ihrer Ankunft an Bord, am 20. April, wurde ihr Mann auf offener Straße erschossen. Auch viele andere Frauen und Männer kamen dabei um. Sie rannte weg, weinend und betend. Einige Nigerianer halfen ihr und nahmen sie mit ihrem Baby auf. Sie waren es auch, die ihr die Reise nach Europa vermittelten. Die Überfahrt kostete sie 1500 Dinar (916 Euro). Sie wurde zu einem großen Haus gebracht, wo sie mit Tausenden anderen Menschen eingepfercht war. Die Wächter waren alle bewaffnet und schlugen sie und sogar ihr Kind. Doch einige sahen, dass sie allein war und halfen ihr.

An den Ausgangspunkt der Überfahrt kann sie sich nicht erinnern. Es war ein Freitagabend. Über 120 Menschen waren auf dem weißen Gummiboot. Sie konnte nur die Männer sehen, die es ins Meer stießen und dann davonrannten. Sie saß unten im Boot. Jemand saß auf ihrem Kopf und überall übergaben sich Menschen. Auch sie wurde seekrank, obwohl das Meer ruhig war. Ihr Baby weinte, so wie alle anderen Kinder an Bord.

Gefragt nach ihren Träumen für die Zukunft erzählt sie, dass sie möchte, dass ihr Kind zur Schule geht. Doch dann fängt sie an zu weinen. Sie weint jeden Tag, sagt sie: Um ihren ermordeten Ehemann und weil sie Angst hat, ohne ihn an diesen unbekannten neuen Ort zu gehen.

Die Menschen, die ihr bei der Flucht halfen, gaben ihrem Kind einen Namen: Success. „Gott hat mir dieses Baby geschenkt“, sagt sie, „es hat mich gerettet“.

 

Text: Francesca Vallarino Gancia
Foto: Francesca Vallarino Gancia
Übersetzung aus dem Englischen: Matthias Dalig