#46
In eigenen Worten

„Nicht einmal meinen schlimmsten Feind würde ich nach Libyen schicken!“

Anfang 2018 werden eine junge Frau namens Mariam aus Mali, ihr Ehemann und ihre zwei Kinder von SOS MEDITERRANEE gerettet. Sie hat zwei Jahre lang mit ihrer Familie in Libyen gelebt. Sie erzählt, warum sie sich dazu entchloss dieses Land, das für sie zur Hölle auf Erden geworden war, zu verlassen.

Mariam möchte ihren wirklichen Namen nicht sagen. Sie hat immer noch zu viel Angst, erkannt zu werden. Mit ihren zwei Kindern hat sie im Shelter der Aquarius Schutz gesucht, inmitten der 587 anderen Überlebenden, die an diesem Wintertag vor dem Ertrinken gerettet wurden. Als sie einwilligt, uns ihre Geschichte zu erzählen, ist sie sich noch immer nicht vollkommen bewusstgeworden, dass der Albtraum in Libyen vorbei ist. Sie hatte sich Ende 2012 dazu entschlossen, ihrem Mann nach Libyen zu folgen. Dieser war kurz davor in die libysche Stadt Derna gezogen, wo er hoffte, seinen Lebensunterhalt besser als in Mali verdienen zu können. Sie war 19, er 18.

„Er hat in einer Zementfabrik gearbeitet und ich war Verkäuferin in einem Bekleidungsgeschäft“ erzählt sie. Ihre beiden Kinder, jetzt vier und zwei Jahre alt, haben Luftballons gefunden, die sie jetzt trotz der Warnung ihrer Mutter versuchen aufzublasen. Mariam versucht ihnen Filzstifte und Papier zu geben, die im Shelter der Aquarius bereitgestellt werden, doch ohne Erfolg.

Die beiden wurden in Libyen geboren. „Aber es sind keine Libyer. Schwarze haben überhaupt keine Rechte in diesem Land“. Die Familie lebte in bescheidenen Verhältnissen, bis die Zementfabrik schließen musste und die Straßen von Islamisten blockiert wurden. „Alles wurde viel teurer. Es war schwierig, unseren Kindern genug zu essen zu geben. […] Die Arbeit hat gar nichts mehr gebracht: Entweder, man bekam nur die Hälfte des Lohns, oder man hat überhaupt nichts bekommen. Es war unmöglich als Frau alleine aus dem Haus zu gehen: Sie haben dich entführt, eingesperrt und dann deinen Mann oder deine Familie angerufen und Geld verlangt. Solange die nicht bezahlt haben, bliebst du eingesperrt und wurdest geschlagen, oder Schlimmeres …“ 

Sie hatten ursprünglich nicht vor, nach Europa zu gehen, aber nach und nach drängte sich die Reise als einzige Möglichkeit auf, diesem Elend zu entkommen. Die junge Malierin dachte zuerst an ihre Kinder. Zunächst saß das Paar in Derna, einer Küstenstadt im Osten des Landes, fest und konnte erst nach einer Woche die gefährliche Reise ins 300 Kilometer westlich gelegene Benghazi antreten. Dort angekommen, blieben sie einige Tage bei einem Bekannten und reisten dann ins 1.000 Kilometer entfernte Tripoli weiter. „Wir haben zwei Wochen gebraucht“, erzählt Mariam.

„Wir hatten Glück, denn wir kannten dort jemanden, bei dem wir schlafen konnten. Wir haben uns umgehört und ziemlich schnell haben uns Leute erklärt, was man für die Überfahrt tun muss. Wir haben uns aufgemacht, obwohl wir die Gefahr kannten“. Mariam weiß, dass ihre Familie knapp dem Tod entkommen ist, aber bereut ihre Entscheidung nicht: „Nicht einmal meinen schlimmsten Feind würde ich nach Libyen schicken“.

 

Foto: Fabian Mondl/SOS MEDITERRANEE

Übersetzung: Matthias Dalig