#47
In eigenen Worten

„Sie denken, wir seien Hunde.“

„Ich bin Ibrahim*, bin 28 Jahre alt, Techniker aus Accra, Ghana. Ich reise alleine, aber ich habe meinen Freund Abbas hier zufällig in einem Ghanaischen Imbiss in Tripolis getroffen, und wir sind dann gemeinsam an Bord gegangen.

Ich habe Ghana vor fast einem Jahrzehnt verlassen – am 28. Juli 2009. Ich bin einfach gegangen, weil ich neugierig war und die Welt erkunden wollte, nicht aus Geldgier oder ähnlichem. Ich habe einen Bus von Accra nach Niamey in Niger genommen, blieb dort anderthalb Monate und fuhr weiter in einen Ort namens Agadez, bevor ich in Libyen einreiste. Zu dieser Zeit gab es in der Wüste Tuareg-Rebellen, was bedeutete, dass ich Söldner engagieren musste, die uns durch die Wüste eskortierten. Wir bezahlten einen Mann, der die Söldner einstellte. Ich hatte keinen Reisepass, nur einen ghanaischen Personalausweis.

Ich hatte stets Genie Mercy bei mir, Gottes Gnade, und ich hatte keine Schwierigkeiten. Es kostete mich rund 500 US-Dollar, um von Accra nach Sabha im Süden Libyens zu gelangen, wo meine Großtante mit ihrem Mann lebte. Ich wohnte bei ihnen; mein Großonkel ist Techniker und brachte mir alles bei, was er konnte, sodass ich in Sabha arbeiten konnte. Mein Ziel war stets nur Libyen, und ich habe nie darüber nachgedacht nach Europa zu kommen.

Das war noch in der Zeit, in der Gaddafi an der Macht war. Schon damals gab es einen ungehemmten Rassismus – Afrikaner wurden „Abat” genannt, was auf Arabisch „Sklave” bedeutet, aber ich war frei und hatte einen Reisepass und eine Aufenthaltserlaubnis. Nach der Revolution brach alles auseinander. Ich weiß nicht, wie oft ich ausgeraubt wurde – wie viele Telefone habe ich verloren? Unzählige! – und ebenso wenig weiß ich, wie oft ich grundlos verhaftet wurde. Was mir am meisten auffiel, war, dass nach der Revolution ganz plötzlich überall Schusswaffen zu sehen waren. In Gaddafis Zeiten hatten alle Messer. Als starker Mann konnte man sich also verteidigen. Aber was machst du, wenn dir jemand mit einer Pistole gegenübersteht? Sogar Fünfjährige haben Waffen.

Sabha wurde zum gefährlichsten Ort in Libyen. Zuvor führte ich ein gewöhnliches Leben, aber nach der Revolution musste man eine besondere Schutzgebühr verrichten – im Haus, draußen, überall. Einmal kam jemand zu mir nach Hause und forderte meine Papiere. Ich zeigte sie ihm, und er riss die Aufenthaltserlaubnis aus meinem Pass, einfach so. Ich wurde auch verhaftet und ins Gefangenenlager gesteckt, und wurde viele Male geschlagen. Libyer sind Nordafrikaner, aber sie nennen uns „Afarka” – Afrikaner – und behandeln uns anders. Sie denken, wir seien Hunde. Einmal trug ich zwei Tage lang Handschellen, bevor ich mein letztes Geld nutzte um für meine Freiheit zu zahlen. Gott sei Dank wurde ich nie als Sklave verkauft, aber frei war ich auch nicht.

Letzten April fasste ich den Entschluss, nach Europa überzusetzen. Ich wurde wieder gefangen genommen, doch diesmal von einem Libyer, der ein Freund von mir war. Sein Name ist Hosam. Ich kenne seine Nummer immer noch auswendig. Sie ist in meinem Kopf, und ich kann sie nicht vergessen. Er brachte mich in das Haus seines Vaters und beraubte mich all meiner Habe, auch meines neuen Telefons. Mir wurde daraufhin bewusst, dass ich nicht mehr sicher war. Im August versuchte ich die Überfahrt erstmals in einem Gummiboot. Wir wurden von der libyschen Küstenwache abgefangen. Sie hatte eine italienische Flagge, weshalb wir uns in Sicherheit wähnten, doch es stellte sich heraus, dass es Libyer waren. Danach kam ich in ein Gefangenenlager. Einige NGOs inspizierten es, aber jedes Mal wussten die Libyer, dass sie kommen würden, und gaben uns neue Kleidung und gutes Essen, um die Verhältnisse besser aussehen zu lassen. Die Namen dieser NGOs kenne ich aber nicht. Irgendwann war ich in der Lage, etwas Geld zu zahlen, und kam raus.

Dieses Mal musste ich nichts für meinen Platz im Gummiboot zahlen, weil ich eine Menge Leute kannte und um Gefälligkeiten bat. Wenn ich in Italien ankomme, hätte ich gerne offizielle Papiere, Arbeit, und würde gerne Ghana besuchen. Auch würde ich Hosam gerne schreiben und ihm sagen: „Wenn du glaubst, ein Mann zu sein, komm und finde mich doch hier in Europa.” Und ich würde gerne meine Großtante nach Europa holen, damit sie bei mir leben kann. Aber nicht einfach so: ordentlich, mit einem Visum und per Flugzeug. Auf sicherem Weg.“

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*Name von der Redaktion geändert

Text: Hanna Krebs
Übersetzung: Jasper Leszke
Photo Credits: Anthony Jean/SOS MEDITERRANEE