#48
In eigenen Worten

„Alles, was du als Schwarzer an dir hast, werden sie versuchen dir zu nehmen – du hast kein Recht, irgendetwas zu besitzen.“

„Ich bin Abbas*, ich bin 31 Jahre alt und Modedesigner aus Accra, Ghana. Ich reise allein, aber durch Zufall habe ich meinen Freund Ibrahim in einem ghanaischen Imbiss in Tripoli getroffen und wir haben das Boot gemeinsam genommen.

2016 habe ich Ghana verlassen. Es war schwierig zu Hause und ich dachte, dass es in Nigeria leichter sein würde als Modedesigner – also zog ich nach Nigeria. Ich nahm einen Bus von Accra nach Lagos und blieb für drei Monate in Nigeria. Ich habe einen Freund, der in München lebt, er schickte mir Geld nach Nigeria, um mein eigenes Unternehmen zu gründen. Leider hat das nicht geklappt und ich kehrte nach Ghana zurück, bis ich schließlich doch wieder nach Nigeria zurückkehrte. Dieses Mal blieb ich für zwei Jahre.

Dort unterhielt ich mich mit einem Freund aus Ghana, der in Libyen lebte und es schien mir, als wären die Umstände dort besser als in Nigeria. In Nigeria gab es viel Kriminalität, vor allem in der Region des Niger-Deltas. Es gibt dort sogenannte „bad boys“, die nicht arbeiten sondern schnelles Geld machen wollen. Wenn du kein Einheimischer bist, klauen sie dir dein Telefon. Mir ist nie etwas passiert, aber ich lebte in ständiger Furcht.

Mein Freund in Libyen ermutigte mich zu kommen, also kam ich am 17. März 2018 in Libyen an. Vor meiner Ankunft in Libyen reiste ich durch Agadez in Niger. Auf dem Weg hatten wir einen Autounfall und ich brach mir die Schulter. Man sieht noch die Knochen herausschauen, und bis heute kann ich nichts Schweres heben. Der Unfall passierte, da der Fahrer Soldaten sah – und da es illegal war uns zu transportieren, geriet er in Panik. Ich erreichte Sabha im südlichen Libyen und blieb dort eine Woche, um mich von meiner Verletzung zu erholen.

Eines Tages wurde ich auf offener Straße von einem Mann festgenommen – kein Polizist, nur ein einfacher Mann. Man brachte mich in ein leeres Haus und schlug mich zwei Tage lang. (Sein Freund Ibrahim fügt lachend hinzu: Schlagen ist Pflicht.“) Dann zerrten mich einige Männer in den Kofferraum eines Autos um mich nach Tripolis zu bringen. Mehrmals wurde Halt gemacht und Fahrzeug und Fahrer gewechselt. Nach fünf Tagen erreichten wir Tripolis. Es war die Hölle. Diese Tage waren wirklich die Hölle. Einmal band man mich nachts einfach in einem Busch fest und ließ mich dort, bis mich jemand am nächsten Tag abholte. Ich konnte nur hoffen, dass jemand kommen würde.

Als ich nach Tripolis kam, erlaubte man mir, einen Freund anzurufen. Er kaufte mich frei und ich lebte eine Zeit lang bei ihm. Er versuchte, einen Job für mich zu finden, aber wenn man kein Arabisch spricht, muss man dort ständig auf der Hut sein. Alles, was du als Schwarzer an dir hast, werden sie versuchen dir zu nehmen – du hast kein Recht, irgendetwas zu besitzen. Schau, diesen Ring hier würden sie sich holen, deshalb habe ich ihn in Libyen niemals auf der Straße getragen. Er ist nicht teuer, aber ich habe ihn nie angezogen.

Das Problem ist: Wenn du einmal in Libyen bist, kommst du nicht mehr heraus. Die gleichen Leute, die dich auf dem Weg beklaut haben, werden es wieder tun. Sie nehmen dir dein Geld weg, wenn du auf dem Weg zur Grenze bist. Ich habe Angst vor diesem Wasser. Es ist verrückt; Ich habe Bilder von gekenterten Booten auf CNN gesehen, auf Al Jazeera. Und als ich letzte Nacht ins Boot stieg, sagte ich mir selbst: „Heute bin ich es, in einem dieser Boote.“ Lange, sah ich diese Bilder auf meinem Handy. Ich musste meinen Geist komplett herunterfahren, einfach nicht daran denken.

Mein Freund hat meinen Platz im Boot bezahlt. Es ist das erste Mal, dass ich das Meer passiere. Als ich Ibrahim in diesem ghanaischen Imbiss traf, machte er mir Mut.

Nigeria ist der Himmel im Vergleich zu Libyen. In Libyen zu leben ist schlimmer, als in einem europäischen Gefängnis zu sitzen.“

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*Name von der Redaktion geändert

Text: Hanna Krebs
Übersetzung: Charlotte Bolwin
Photo Credits: Anthony Jean/SOS MEDITERRANEE