#52
In eigenen Worten

„Nachts denke ich an alle Menschen, die ich sterben sah.“

Ousmane, Überlebender

Ein von der Aquarius geretteter Mann hat zufällig Unterkunft bei einer unserer Freiwilligen gefunden. Mehr als ein Jahr nach seiner Überfahrt im April 2017 vertraut er sich ihr an. Ousmane ist heute 24 Jahre alt.

Weggehen, um zu überleben

Ursprünglich kommt Ousmane aus einem Dorf in der Elfenbeinküste. Er ist das jüngste Kind einer Bauernfamilie, die Getreide anbaut und auf dem Markt verkauft. Die Familie ist sehr arm, sagt er. Der Vater stirbt, als Ousmane erst neun Jahre alt ist, und von da an trägt die Mutter allein die Verantwortung für sechs Kinder. „Bei uns im Dorf gab es nichts, aber immerhin konnte ich von meinem achten bis zu meinem vierzehnten Lebensjahr in der Stadt zur Schule gehen. Ich übernachtete bei einem Klassenkameraden…“
Als er 21 ist, verliert er auch die Mutter. Längst sind Kinder in die Familie hineingeboren worden. Er ist plötzlich nicht mehr der Sohn, er gehört jetzt zur Generation der Väter. Die Bewirtschaftung des Landes reicht nicht mehr aus, um die Familie zu versorgen. Er muss woanders Arbeit finden. Ein älterer Bruder gibt ihm einen kleinen Geldbetrag mit auf den Weg.
Ousmane zieht durch ganz Westafrika. Zuerst geht er nach Guinea, wo er sich mit verschiedenen Jobs über Wasser hält: Er arbeitet bei Tag und bei Nacht, als Erntehelfer, Koch und Sicherheitsmann.
Ousmane geht dorthin, wo man ihm sagt, es gebe Arbeit. In den Senegal, nach Mali, nach Burkina Faso. In Niamey, der Hauptstadt des Niger, wird ihm das wenige Geld gestohlen, das er besitzt und das er immer bei sich trägt. Eine Weile überlebt er nur dank der Mahlzeiten einer Suppenküche.

„Als sie mich schlugen, habe ich nicht geschrien, um meine Familie nicht zu beunruhigen.“

Sein Bruder schickt ihm Geld, damit er den Bus in den Süden Libyens nehmen kann. In Gardon, der ersten Stadt hinter der nigrisch-libyschen Grenze, findet er eine Zeit lang Arbeit als Erntehelfer. Aber die Existenzsorgen bleiben auch in diesen Monaten. Dann gibt es plötzlich keine Arbeit mehr. Zusammen mit seinem Bruder entscheidet er, dass er versuchen wird, von Libyen aus nach Europa überzusetzen. Er geht nach Tripolis.
Dort angekommen, endet sein Weg abrupt. Er wird entführt und in einen Raum mit 40 bis 50 anderen Menschen gesperrt (Menschen aus Mali, Guinea, dem Senegal, Kamerun, Männer und Frauen, darunter ein Paar aus seiner Heimat). „Man roch den Hunger in diesem Raum. Und die Krankheit. Es gab viele Kranke und Verletzte, und wenn es ihnen zu schlecht ging, brachte man sie für kurze Zeit ins Krankenhaus, aber sie kamen immer wieder zurück, und dann riefen die Wärter ihre Familien an und erpressten Lösegeld. Sie forderten 600 Euro!“
Nach seiner Ankunft in Italien musste Ousmane mehrere Wochen im Krankenhaus verbringen, so sehr hatte man ihn geschlagen. „Sie versetzten mir mit dicken Hölzern jeden Tag Schläge auf den Rücken und auf die Knie, bis ich nicht mehr laufen und mich nicht mehr bewegen konnte. Einmal gaben sie mir ein Telefon, ich sollte meinen Bruder anrufen, damit er Geld schickt. Aber als sie mich schlugen, habe ich nicht geschrien, um meine Familie nicht zu beunruhigen. Ich habe ihnen nicht gesagt, dass sie mich schlagen, das hätte ihnen zu viel Kummer bereitet. Mein Bruder trägt die Verantwortung für zehn Menschen: ich wollte ihm nicht noch mehr Sorgen machen.“ 
„Man kann gar nicht schildern, was sich in Libyen alles abgespielt hat. Ich habe mit angesehen, wie sie zwei Menschen getötet haben. Sie haben Frauen vergewaltigt. Unter uns gab es ein Paar, aber der Mann musste so tun, als würde er seine Frau nicht kennen, sonst hätte man ihr Gewalt angetan, um ihn zu erpressen. Die Menschen sind sehr verschieden. Aber das sind keine Menschen mehr …“

Ousmane entgeht nur knapp dem Tod: 42 Menschen ertrinken im Meer

Das Ehepaar aus seiner Heimat, mit dem er zusammen eingesperrt ist, streckt ihm die nötige Summe für seine Freilassung und die Überfahrt nach Italien vor*. Auf der Suche nach einem Weg übers Meer geraten er und seine Begleiter an Mittelsmänner, die sie an sogenannte Schleuser weitevermitteln. Ein Libyer zahlt Geld für ihn, der ihn an einen anderen weiterverkauft. Mit 24 Jahren ist er kein Mensch mehr, nur noch eine Arbeitskraft. Nichts anderes als ein Sklave.
Eines Tages gelingt es Ousmane zu fliehen. Nachdem er einen ganzen Tag lang zu Fuß zum Meer gelaufen ist, erreicht er einen Ort, von dem aus noch in derselben Nacht drei Boote ablegen. „Ein Boot ist gekentert. Es gab 42 Tote. Ich habe meine Kleidung ausgezogen, damit sie mich nicht unter Wasser zieht, ich bin zu einem anderen Boot geschwommen und habe mich daran festgeklammert. Als uns dann die Aquarius an Bord genommen hat, haben viele geweint … Die Frau, die mir das Geld geliehen hat … Ihr Mann saß in dem Boot, das gekentert ist, er ist ertrunken.“
Ousmanes Irrfahrt setzt sich über Monate fort. Von Süditalien gelangt er in den Norden, nach Mailand und Turin. Er überquert die Alpen zu Fuß und erreicht Briançon, von wo aus er sich nach Marseille durchschlägt, weil er hofft, auf Landsleute zu stoßen. Zurzeit ist Ousmane bei einer Gruppe von Freiwilligen untergekommen und hat in Frankreich seit kurzem den Status eines Asylbewerbers. Er ist erleichtert.

Sich nur auf sich selbst verlassen

„Wenn du hier keine Papiere hast, bist du ein Nichts, eine Null.“ Ousmane ist unruhig, obwohl er jetzt in Sicherheit ist. „Es geht mir nicht gut. Ich ertrage keine lauten Geräusche mehr, ich werde oft bewusstlos, mir ist schwindelig, ich schlafe schlecht und ich wache ungefähr alle halbe Stunde auf. Nachts denke ich an all die Menschen, die ich habe sterben sehen. Ich denke an die Kinder zu Hause und an alle, die Vertrauen in mich gesetzt haben: Ich bin doch jetzt in Europa…“
„Hier muss ich ständig darauf achten, dass ich mich richtig verhalte: Ich muss herausfinden, wo man ein Ticket für die Straßenbahn bekommt und wie man es entwertet. Man muss so viele Sachen lernen, um sich richtig zu verhalten. Ich will keine Konflikte. Wenn sich jemand mit mir anlegen will, gehe ich einfach nicht darauf ein.“
Ousmane unternimmt große Anstrengungen – für seine Familie. Er will seine Sprachkenntnisse verbessern, dabei spricht er schon jetzt fließend Französisch. Außerdem beherrscht er seine Landessprache, und er möchte Englisch lernen. Er weiß, wie man ein Feld bestellt. Im Laufe seiner langen Reise hat er Erfahrungen als Koch gesammelt. Und er kennt sich mit Gebäudesicherheit aus. Vor allem aber hat er gelernt, sich nur auf sich selbst zu verlassen.

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Text: Régine und Marie
Übersetzung aus dem Französischen: Charlotte Bolwin, Sonja Finck und Frauke Rother
Foto: Anthony Jean / SOS MEDITERRANEE