Drawing of different kind of torture experienced by rescued person.
#53
In eigenen Worten

„Ich will einfach nur glücklich sein.“

Eine Woche nach seiner Rettung auf See beginnt Adam* mir zu vertrauen. Es ist ein sonniger, windiger Freitag an Bord der Ocean Viking. Der 19-jährige Mann stimmte zu, seine Geschichte mit dem Rest der Welt zu teilen, in der Hoffnung, dass sie den Überlebenden im Mittelmeer helfen würde, besser verstanden zu werden. Adam kommt aus dem Südsudan. Über ein Jahr verbrachte er in Libyen, kam von einem Gefängnis in ein anderes.

„Mein Vater ist immer noch im Südsudan. Er ist durch den andauernden Krieg verwundet und zu alt, um zu arbeiten und für unsere Familie zu sorgen. Also sind meine beiden jüngeren Brüder bei ihm und helfen ihm. Ihm zu helfen bedeutet aber auch, dass sie die Schule verlassen mussten.

Meine Mutter wurde mehr als neun Jahre lang vermisst. Eines Tages kam es zu Zusammenstößen, als ich noch ein Kind war, und wir alle versteckten uns an unterschiedlichen Stellen auf den Feldern, um Schutz vor den Kugeln zu suchen. Jahrelang wussten wir nicht, was mit ihr geschehen war – mehr als neun Jahre lang keine Nachricht von ihr…. Dann, eines Tages, als ich im Lager in Libyen war, kontaktierte mich mein Vater, um mir zu sagen, dass sie sie gefunden haben! Sie war nicht mehr in meinem Dorf, sondern vorerst an einem sicheren Ort.“

Adam kam im Juni 2018 in Libyen an. Er wurde gefangen genommen und nach Bani Walid gebracht, ein Lagerhaus, welches von libyschen Menschenhändlern bewacht wird. „Sie haben uns nichts zu essen gegeben. Nur salziges Wasser. Wir wurden endlos geschlagen und gefoltert, bis unsere Eltern Geld schickten, damit wir freigelassen werden.

Donnerstags kamen einige der libyschen Schlepper und nahmen die Frauen mit, um sie zu vergewaltigen und sie zurück ins Zentrum zu bringen“, fügt Adam hinzu.

Nach 4 Monaten in Bani Walid gelang es Adam, von dort bis Tripolis zu fliehen, nachdem einige Freunde geholfen hatten, für seine Freilassung zu bezahlen, da er keine Kontakte zu seiner eigenen Familie hatte. In Tripolis versuchte er, jede Art von Arbeit zu finden. „Es gibt einen Platz in Tripolis, wo wir, die Schwarzen, hingehen und die Libyer kommen und uns für die Arbeit auswählen. Die meisten von ihnen bezahlen dich nie, auch wenn du den ganzen Tag arbeitest“, erzählt Adam.

Wie viele der geretteten Menschen versuchte Adam mehrmals, Libyen über das Mittelmeer zu entkommen. Er wurde entweder von der libyschen Küstenwache abgefangen und in libysche Gefangenenlager zurückgebracht oder sogar von Fischern vor einem Schiffbruch gerettet, die die Überlebenden zurück nach Libyen brachten.

Jetzt habe ich es geschafft und bin wegen euch sicher“, bemerkt Adam, „aber unsere Brüder in Libyen sind immer noch in Gefahr. Sie rauben dich aus und töten dich aus jedem beliebigen Grund – mitten auf der Straße“, erinnert er sich.

Das ist das Ende unseres Gesprächs. Adam lächelt, aber ich kann immer noch die Frustration in seinem Blick verfolgen. Adam weiß immer noch nicht, wann und wo er von der Ocean Viking an Land gehen kann. Er schaut mich an und sagt: „Wenn ich nach Europa komme, will ich einfach nur glücklich sein. Ich möchte Naturwissenschaften weiter studieren oder Arzt werden, aber vor allem möchte ich glücklich sein“.

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* Der Name wurde geändert.
Text und Foto von Avra Fialas, Communication Officer von SOS MEDITERRANEE an Bord der Ocean Viking.