Moussa, 18 years old, onboard the Ocean Viking. August 21st 2019. © Avra Fialas/SOS MEDITERRANEE
#54
In eigenen Worten

„Ich habe Angst! Ich weiß, was uns mit der Nivin widerfahren ist.“

Jeden Abend versuchen die Teams von SOS MEDITERRANEE und Ärzte ohne Grenzen etwas Ruhe auf der Ocean Viking einkehren zu lassen, um über die grobe Einhaltung eines strukturierten Tagesablaufs etwas Normalität herzustellen. So auch am 19. August: während sich die Menschen langsam für die Nacht fertigmachen, nähert sich mir ein junger Mann. Sein Name ist Moussa und er will mir seine Geschichte erzählen.

Moussa ist 18 Jahre alt und kommt aus dem Sudan. Er war erst 16 Jahre alt, als er den Sudan verließ und in Libyen landete, wo er sofort gefangen genommen und in das Haftlager Beni Waled gebracht wurde. „Sechs Monate war ich dort eingesperrt, wurde mit Stromschlägen gefoltert und wiederholt geschlagen“, erzählt Moussa. „Erst als ich genug Geld aufbringen konnte, wurde ich frei gelassen.“

Moussa entschied dann, nach Tripolis zu gehen. Auf dem berüchtigten „Jobplatz“ fand er Arbeit auf dem Hof einer libyschen Familie. Doch den Lohn für seine Arbeit bekam er nie zu Gesicht. Nach mehreren Monaten gelang es ihm, von dem Hof zu entkommen. „Das war der Moment, an dem ich entschied, Libyen zu verlassen.“

Im November 2018 versuchte er zum ersten Mal über das Mittelmeer zu entkommen.

Wir waren 32 Stunden lang auf dem Wasser. Wir hatten Essen und Wasser aufgebraucht und begannen zu verzweifeln. Dann hat uns ein großes Schiff gerettet„, erklärt er.

Sie sagten, sie würden uns nach Sizilien bringen. Aber sie haben uns mit in den Hafen von Misurata in Libyen genommen„, flüsterte Moussa.

Moussa und die anderen 81 Überlebenden wurden, 115 Meilen nördlich von Tripolis, vom Frachtschiff „Nivin“* abgefangen. Die Erinnerung an diesen Tag holt ihn an Bord der Ocean Viking ein, wo die lange Wartezeit auf die Zuweisung eines sicheren Ortes Ängste bei allen Geretteten an Bord schürt.

Die „Nivin“ blieb fast zwei Wochen im Hafen von Misurata. Die Menschen weigerten sich von Bord zu gehen. „Lieber wären wir gestorben, als nach Libyen zurück zu müssen“, erklärt Moussa.

Ich hatte Angst, das Schiff zu verlassen, weil ich wusste, was mich in Libyen erwarten würde. Aber eines Tages kamen die libyschen Regierungstruppen an Bord und brachten uns gewaltsam hinaus„, sagt Moussa.

Moussa wusste, was folgen würde. Er und die anderen Überlebenden wurden an einem Ort inhaftiert, an dem die Nahrung unzureichend war, das Wasser nur aus Salzwasser bestand und Schläge an der Tagesordnung waren. „Die Wachen ließen auch Menschen von außerhalb in das Lager, die dann einige von uns auswählten, um den ganzen Tag für sie zu arbeiten, bevor sie uns in der Nacht zurück brachten“, fügt Moussa hinzu. So gelang es ihm, nach sieben Monaten Haft, Folter und Ausbeutung, erneut zu fliehen.

Ich kenne Menschen, die immer noch dort sind“, ergänzt er besorgt.

Zwei Monate später floh Moussa zum zweiten Mal über das Meer. Nach 16 Stunden in einem Schlauchboot auf See, wurde er von den Teams der Ocean Viking gerettet.

Ich habe Angst. Ich weiß, was uns mit der „Nivin“ widerfahren ist. Wir werden nach Libyen zurückgebracht“, sagt Moussa mit entsetztem Gesicht.

Meine Antwort darauf war folgende: „Ich weiß, es ist schwer für dich, mir zu glauben, nach allem, was du durchgemacht hast. Aber ich schwöre dir, dass du jetzt in Sicherheit bist und wir dich auf keinen Fall jemals nach Libyen zurückbringen werden„.

Text und Foto: Avra Fialas / SOS MEDITERRANEE – an Bord der Ocean Viking

*Weitere Informationen zum Fall der „Nivin“ können Sie im Statement von Ärzte ohne Grenzen nachlesen.