Umarmung von Mutter und Kind vor der medizinischen Evakuierung von der Ocean Viking
#68
In eigenen Worten

„Ich musste das Meer überqueren, weil ich meine Enkelkinder aufwachsen sehen will.“

Mouna* ist 53 Jahre alt und wurde in Damaskus geboren. Am 31. Juli 2021 wurde sie von der Besatzung der Ocean Viking aus einem kleinen Holzboot in Seenot gerettet. Schon als sie das Deck des Schiffes betrat, fiel sie durch die ruhige Freundlichkeit, die sie ausstrahlte, auf. Weil sie dringende medizinische Behandlung benötigt, die nur in einem Krankenhaus an Land geleistet werden kann, musste sie am 5. August von der Ocean Viking evakuiert werden. Denn Mouna ist krank und braucht eine Lebertransplantation. Bevor sie auf ein Schiff der italienischen Küstenwache und anschließend nach Lampedusa gebracht wurde, erzählte sie uns ihre Geschichte.

„Ich wollte Damaskus nicht verlassen. Zwei meiner Söhne sind vor dem Krieg in Syrien nach Libyen geflohen. 2014 hat jemand meine 17-jährige Tochter bei einer friedlichen Demonstration fotografiert, sie wollten sie verhaften. Ich kann nicht beschreiben, wie wichtig meine Tochter für mich ist. Also nahm ich sie und meinen jüngsten Sohn, der 16 Jahre alt war, und flog nach Ägypten. Von Ägypten aus wurden wir nach Libyen geschleust. Wir waren in Libyen, als dort die Unruhen, der Krieg ausbrachen.

Mein Mann blieb in Syrien zurück. Eines Tages zerstörte eine Rakete unser Haus in Damaskus. Zum Glück wurden sie rechtzeitig gewarnt und mein Mann war nicht im Haus. Nach dem Raketeneinschlag beschlossen wir, dass auch mein Mann nach Libyen kommen sollte. Wir blieben alle in Libyen, meine Tochter heiratete dort einen syrischen Mann. Eines Tages wurde mein Schwiegersohn bei der Arbeit ausgeraubt, die Männer waren bewaffnet wie Milizen. Sie schossen ihm in den Rücken.

Kurz darauf wurden mein Mann und mein jüngerer Sohn entführt. Die Entführer verlangten Lösegeld. Sie brachten meinen Sohn und meinen Mann zu uns zurück, aber ihr hättet sehen sollen, in welchem Zustand sie waren. Sie waren blutüberströmt. Wir bekamen Angst und flohen nach Tripolis, um uns im Herzen der Hauptstadt zu verstecken.

Als mein Mann operiert werden musste, bekam er von der Operation eine Infektion. Seine Leber war bereits schwer geschädigt, als er es herausfand. Er fiel immer wieder in Ohnmacht. In Libyen gibt es keine medizinische Behandlung für solche Fälle. Es gibt kaum öffentliche Krankenhäuser, nur Privatkliniken. Also haben wir das, was von unserem Haus in Syrien übrig geblieben ist, verkauft, um das Geld aufzutreiben und meinen Mann ins Krankenhaus zu schicken. Aber dort hat man nichts für ihn getan. Sie behandelten ihn nicht, sie hielten ihn kaum am Leben, und eines Tages sagten sie einfach zu uns: „Nehmt ihn mit.“ Also versuchten wir, ihn in einem anderen Krankenhaus versorgen zu lassen. Aber auch dort wurde er nicht richtig behandelt, sie ließen ihn einfach sterben.

In Libyen gibt es keine Medizin, keine Gesundheitsversorgung. Wir haben unser gesamtes Geld in den Versuch gesteckt, eine medizinische Versorgung für ihn zu bekommen, und sie haben ihn einfach sterben lassen. Wir haben die UN-Organisationen angefleht, wir haben ihnen alles erzählt, wir haben eine Behandlung in Ägypten oder Tunesien erbeten, aber sie sagten: „Nein, bleibt in Libyen“.

Wenn ich nach Syrien zurückkehre, werde ich am Flughafen verhaftet, weil meine Söhne vor dem Militärdienst weglaufen. Sie würden mich verhaften, um meine Kinder unter Druck zu setzen, damit sie zurückkommen.

Meine Kinder in Libyen haben selbst kleine Kinder, sie sollten das Meer nicht überqueren. Aber ich bin krank – wenn ich nicht gehe, werde ich sowieso sterben. Also habe ich beschlossen, zu gehen. Beim ersten Versuch habe ich dem Schleuser 2.500 Dollar gegeben, aber die libysche Küstenwache hat uns abgefangen. Dann steckten sie mich ins Gefängnis. Dieses Gefängnis, ich kann es nicht beschreiben. Sie wollten 200 Dollar, damit ich gehen konnte. Dieses Gefängnis…

Meine Kinder haben mich da rausgeholt, aber ich war so schwach. Meinen Kindern geht es sehr schlecht. Es ist schwer für sie, mich so zu sehen und nicht helfen zu können. Aber sie haben nicht genug Geld, um eine richtige medizinische Behandlung zu bezahlen. Sie können nichts tun, um mir Hilfe zu besorgen.

Ich beschloss, wieder aufs Meer zu fahren. Meine Kinder sagten nein. Sie wollten nicht, dass ich fahre, aber ich habe mich entschlossen. Ich will nicht in Libyen sterben. Dort gibt es keine Gesundheitsversorgung, keine Dienstleistungen. Wir haben dort nichts, keine Schule für die Kinder, keine Ausbildung, keine Sicherheit. Sie schlagen dort jeden. Eines Tages wurde ein großer Stein auf unser Auto geworfen. Sie stahlen unser Geld, unsere Handys, unser Auto. Sie schlugen uns zusammen und ließen uns einfach am Boden liegen.

Ich habe mir gesagt: Genug, ich werde aufs Meer fahren. Diesmal habe ich 1.500 Dollar bezahlt und ihnen gesagt, dass ich krank bin und bald gehen muss. Sie sagten, wir würden am nächsten Tag aufbrechen, aber sie ließen mich 16 Tage lang warten, ohne Informationen, ohne irgendetwas. Dann kamen sie aus dem Nichts und brachten uns an den Strand. Als das Boot ankam und wir noch am Strand waren, explodierte der Motor des Bootes. Wir mussten einen weiteren Tag warten.

Die Schleuser hatten uns versprochen, dass zwei Motoren, ein Satellitentelefon, GPS und Schwimmwesten vorhanden sein würden. Es war nichts da. Sie versprachen, uns alles zu geben, sobald wir auf See seien. Sie drängten uns weiter, sie hatten alle Waffen. Jemand muss zu langsam gewesen sein oder sie irgendwie verärgert haben, denn einer von ihnen warf die Wasserflaschen einfach auf den Boden und sagte: „Kein Wasser für euch!“

Nach vier Stunden auf See fing der Motor einfach an, zu brennen. Er fing Feuer, mein Bein wurde verbrannt. Wir konnten das Feuer löschen und ein Mann an Bord brachte den Motor für eine Weile wieder zum Laufen, aber wir fuhren nur im Kreis. Wasser gelangte ins Boot und vermischte sich mit dem Treibstoff. Nach 10 Stunden konnten wir Ölplattformen sehen. Wir haben nur geschrien und gewunken. Und dann seid ihr hinter uns aufgetaucht. Wir dachten, ihr wärt die libysche Küstenwache, aber wir sagten uns: „Wir sterben sowieso, wir haben kein Wasser. Wenn sie kommen, sollen sie kommen.“ Aber ihr wart es.

Ich musste das Meer überqueren, weil ich leben will. Ich will meine Enkelkinder aufwachsen sehen. Sie nennen mich ihre „liebe Oma“. Wenn du deine Mutter siehst, vergiss nicht, sie zu umarmen und ihr einen Kuss zu geben.“

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*Der Name wurde geändert, um die Anonymität der Überlebenden zu schützen.
Bildnachweis: Flavio Gasperini / SOS MEDITERRANEE