#71
In eigenen Worten

„Jeden Morgen haben sie uns geschlagen. Sehen Sie sich meine Arme an, meine Narben!“

[TRIGGER-WARNUNG] Dieser Text beschreibt Folterhandlungen.  

Sabtou* ist 15 Jahre alt. Er kommt aus Somalia und wurde in der Nacht vom 4. auf den 5. Juli zusammen mit 368  anderen Menschen auf der Flucht aus Libyen von der Ocean Viking aus einem großen Holzboot in Seenot gerettet.

„Ich habe Somalia mit 12 Jahren alleine verlassen, da es in meinem Land einfach zu viele Probleme gibt. Es gibt keine Schulen, keine Krankenhäuser und meine Familie hat keine Mittel zum Überleben.“ Sabtou  ging zunächst in den Sudan, bevor er nach Libyen kam. Gleich nach seiner Ankunft in Libyen wurde er gekidnappt.

Er blieb ein Jahr und fünf Monate in einem Gefangenenlager und bekam nur einmal am Tag getrocknete Nudeln zu essen. „Wir mussten 15.000 US-Dollar zahlen, um freigelassen zu werden. Sie gaben uns salziges Wasser zu trinken. Jeden Morgen schlugen sie uns. Sehen Sie sich meine Arme an, meine Narben. Sie haben geschmolzenes Plastik und erhitzte Metallstangen als Folterinstrumente verwendet.“ Um Lösegeld zu erpressen, riefen sie seine Mutter an, während er gefoltert wurde. Nachdem sie alles gab, was sie besaß, wurde Sabtou in eine andere Haftanstalt verlegt. „Sie haben uns wie Tiere behandelt.“

Nach acht weiteren Monaten in dieser Haftanstalt, gelang Sabtou die Flucht nach Tripolis. Während dieser ganzen Zeit war es ihm nicht möglich, seine Mutter anzurufen oder Kontakt zu seiner Familie aufzunehmen. In Tripolis angelangt, konnte ihm seine Mutter jedoch etwas Geld für die Überfahrt schicken. Beim ersten Fluchtversuch musste er 1.500 USD zahlen, wurde aber von „Milizen oder der libyschen Küstenwache abgefangen – ich kenne den Unterschied nicht. Jedenfalls haben sie mich wieder ins Gefängnis gesteckt“. Sie verlangten von Sabtous Mutter erneut Lösegeld, aber sie hatte nichts mehr: „Sie könnten meinen Sohn jetzt sogar töten, ich kann nichts weiter tun. Ich bin verloren.“ In diesem Moment begriffen die Wärter, dass es von Sabtou nichts mehr zu holen gab und ließen ihn frei.

Diesmal musste er 800 US-Dollar für die Überfahrt auf einem großes Holzboot bezahlen.“ Wir befanden uns im Schiffsbauch und verbrachten dort mehr als einen Tag ohne Essen und Wasser. Es war unglaublich heiß, wir bekamen keine Luft. Durch die Treibstoffdämpfe waren wir nahe am Ersticken. Nur ein paar Stunden länger in dem Kielraum und wir wären gestorben.

Ich habe in den letzten drei Jahren zu viel gelitten, zu viel. Jetzt ist es mein Traum, einen Job zu finden, um meiner Mutter etwas Geld zu schicken, damit sie in Würde leben kann. Und, ich möchte, dass alle wissen, was in Libyen passiert.“ Sabtou war erst 12 Jahre alt, als er nach Libyen kam. Er war noch ein Kind.

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*Der Name wurde geändert, um die Identität des Überlebenden zu schützen.

Das Interview führte Claire Juchat an Bord der Ocean Viking im Juli 2021.
Fotonachweis: Flavio Gasperini / SOS MEDITERRANEE