#9
In eigenen Worten

„Wir haben keine andere Chance.“

Zeugnis von Diawoye*


Nach seinem Schulabschluss schien die Welt rosig für Diawoye. Ein Junge, aufgewachsen in einem kleinen Bauerndorf in Mali, hatte das Unmögliche erreicht und wurde als einer besten Schüler seines Landes gekrönt. Er befand sich auf dem Weg an die Universität in Bamako und träumte davon, englische Literatur zu studieren, um später einmal Englisch oder Computerkenntnisse zu unterrichten. Selbst auf der Aquarius merkt man, dass er die Ausstrahlung eines Lehrers hat.

An Deck befinden sich ein Dutzend Jugendlicher, die sich an ihn wenden. „Er war einer unserer besten Schüler, einer der Helden unseres Landes“, sagt ein Junge stolz, während Diawoye selbst schüchtern lächelt und zur Seite schaut, bevor er seine Geschichte erzählt.

Nach seinem ersten Jahr an der Uni fand sein Traum, Lehrer zu werden, ein jähes Ende. Sein Stipendium deckte seine Unterkunftskosten nicht: „Ich hatte Probleme mit der Unterkunft, Probleme, zur Uni zu kommen, Geldprobleme – ich konnte einfach nicht bleiben“, sagt er. „Ich habe Bamako verlassen und bin ins Dorf meiner Familie zurückgekehrt. Aber dort gibt es keine Jobs für einen Dorfbewohner, der an der Uni war. Es gibt dort gar keine Jobs, außer man arbeitet auf einer Farm.“

Diawoye machte sich auf den Weg nach Mauritius, um einen Job zu finden und dann weiter in die Elfenbeinküste. „Dort hat nichts wirklich gut geklappt“, berichtet er über die Elfenbeinküste, ein Land, das sich immer noch vom Bürgerkrieg erholt. „Es gibt immer noch jede Menge Konflikte, und nun auch Terroranschläge.“

Wieder packte er seine Tasche und reiste erst nach Algerien, dann nach Libyen. „ Freunde haben uns erzählt, dass es in Libyen Arbeit gäbe, dass man gut äße und man eine gute Bleibe finden könne. Aber als wir dort ankamen, mussten wir feststellte, dass wir uns mitten in einem Kriegsgebiet befanden. Eigentlich wollten wir zurück nach Mali, aber es gab keinen Weg zurück.“

Zweimal befand er sich im Gefängnis. Beide Male konnten Familie und Freunde seine Freiheit erkaufen. Einige der anderen Insassen halfen ihm schließlich dabei, den Kontakt zu einem Schlepper herzustellen.

„Wir dachten, dass wir in zwei bis drei Stunden in Italien ankommen würden, wir dachten wir hätten ungefähr 20 Kilometer vor uns. Wir hatten keine Ahnung.“

„Es ist unglaublich beängstigend“, sagt er. „Wenn man Glück hat, kommt man auf ein größeres Schiff wie dieses, das einen aufsammelt. Aber wenn man kein Glück hat, dann stirbt man. Wir nehmen dieses Risiko auf uns und wir müssen mit den Ergebnissen leben. Wir haben keine andere Chance.“

 

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*Name geändert
Interview: Nagham Awada
Übersetzung: Lea Main-Klingst
Photo: Yann Merlin