#72
In eigenen Worten

„Das Meer sollte kein Raum für Geschäfte sein. Menschen verlieren dort jeden Tag ihr Leben.“

Favour* – aus Nigeria, 23 Jahre alt – wurde am 31. Juli 2021 von unserem Team auf der Ocean Viking aus Seenot gerettet. Bevor er im Hafen von Pozzallo (Sizilien) an Land ging, erzählte er, wie er mit falschen Versprechungen dazu verleitet wurde, nach Libyen aufzubrechen, um dann festzustellen, dass er an ein System moderner Sklaverei verkauft worden war. Favour wollte, dass seine Geschichte geteilt wird, um andere zu warnen. Für ihn ist eine politische Lösung die einzige Möglichkeit, den Kreislauf von Ausbeutung und Missbrauch zu durchbrechen, dem er in Libyen zum Opfer fiel. Wenige Stunden vor der Ausschiffung freute sich Favour am meisten darauf, seine Mutter zu kontaktieren.

[TRIGGER-WARNUNG] Dieser Text beschreibt physische und sexualisierte Gewalt.

 

„Vielleicht denkt sie, ich sei tot“, sagte er, „aber ich werde einen Weg finden, sie zu erreichen und ihr zu sagen, dass ich lebe.“

„Zu Hause stand mein Leben auf dem Spiel. Mein Großvater hatte mir ein Stück Land geschenkt. Ich nutzte es, um meine Familie zu ernähren, während ich als Modedesigner arbeitete. Ein Mann in meiner Gegend wollte dieses Stück Land haben und begann, mich zu bedrohen. Er drohte, meine ganze Familie zu töten, würden wir das Grundstück nicht verlassen. Er hat meinen Großvater ermordet. Ich ging zur Polizei, aber die hat nichts unternommen. Dieser Mann war sehr einflussreich und die nigerianische Polizei arbeitet nur für diejenigen, die Geld haben.“

„Ich kam nach Libyen, da mich jemand, den ich für einen Freund hielt, betrogen hat. Er war ebenfalls Modedesigner und sagte mir, dass es in Libyen viel Arbeit in der Modeindustrie gebe. Ich wusste nicht, dass er mich in Wirklichkeit verkauft hatte. Insgesamt verbrachte ich zwei Jahre in Libyen. Nachdem ich den Leuten, an die ich verkauft worden war, entkommen bin, begann ich, als Ziegelbrenner zu arbeiten. Aber Arbeit wird in Libyen nicht bezahlt. Ich wollte nie das Mittelmeer überqueren. Aber ich habe gelernt, dass es in Libyen keine Freiheit gibt – überall herrscht nur Unterdrückung.

 

„Nachdem sie auf dem Meer abgefangen werden, haben viele der Frauen niemanden, der für sie zahlt. Also werden sie verkauft. Das ist Menschenhandel.“

 

„Als ich das erste Mal versucht habe, das Meer zu überqueren, wurde ich von der libyschen Küstenwache abgefangen und in das Tarik-Al-Sikka-Gefängnis in Tripolis gebracht. Es kostet 3000 Dinar, um freigelassen zu werden. Für Frauen sind es 5000 Dinar. Die Männer werden dort jeden Tag geschlagen, die Mädchen vergewaltigt. Viele nigerianische Frauen werden Opfer von Menschenhandel. Jedes Mal, wenn ich sie sehe, weine ich um sie. Wenn sie auf dem Meer abgefangen wurden, haben viele der Frauen niemanden, der für sie zahlt. Also werden sie verkauft. Das ist Menschenhandel.“

„Um rauszukommen, bittet man einen Freund außerhalb des Gefängnisses, die Polizei zu bezahlen, oder man versucht, zu fliehen. Ich kenne Leute, die versucht haben, aus dem Abu-Salim-Gefängnis zu fliehen. Sie wurden mit Maschinengewehren beschossen. Zehn von ihnen wurden getötet. Mein Freund wurde von einer Kugel getroffen. Ich habe das Gefühl, dass auch die internationalen Organisationen Angst haben. Manchmal, wenn sie zu uns ins Gefängnis kamen, wurden sie einfach wieder hinausgeworfen. Selbst wenn man sehr krank ist, erlauben sie nicht, dass sie einen rausholen.

 

„Ich will, dass der Mann, der mich betrogen hat, verurteilt wird. Denn (…) ich weiß, dass er es wieder tun wird.“

 

„Die Polizei schlägt ebenfalls Profit daraus, dass Menschen versuchen, das Mittelmeer zu überqueren. Manche Leute zahlen, um aus dem Gefängnis entlassen zu werden. Gleichzeitig bezahlen sie damit dafür, dass die Polizei sie in ein Boot setzt. Wenn die Polizei eine Abfahrt organisiert, klebt sie einen Sticker auf das Boot. So signalisiert sie der Küstenwache, dass es von ihnen ist und diese es durchlässt.“

„Das Meer sollte kein Raum für Geschäfte sein. Menschen verlieren dort jeden Tag ihr Leben.“

Meiner Meinung nach werden so lange Menschen auf dem Meer sterben, wie es keine richtige Regierung in Libyen gibt. Denn die Menschen dort werden unterdrückt. In Libyen haben alle eine Waffe, auch Kinder.“

„Ich wünschte, ich wäre nicht weggegangen. Ich wünschte, die Polizei in meinem Land würde so arbeiten, wie sie es sollte. Zuerst müssen die Bürger*innen geschützt werden. Dann muss die nigerianische Grenze kontrolliert werden. So viele Nigerianer*innen sind in Libyen, weil sie zu Hause nicht geschützt und die Grenzen nicht kontrolliert werden.

„Ich will, dass der Mann, der mich betrogen hat, verurteilt wird. Denn (…) ich weiß, dass er es wieder tun wird.“

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*Der Name wurde geändert, um die Identität des Überlebenden zu schützen.
Fotonachweis: Flavio Gasperini / SOS MEDITERRANEE