Portrait von Hassan - im Juli 2021 von unserer Crew gerettet
#73
In eigenen Worten

„Meine Eltern wissen nicht, dass ich am Leben bin.“

Der 20-jährige Hassan* floh von Liberia über Guinea, Mali und Algerien nach Libyen. Zweimal wurde er von der libyschen Küstenwache abgefangen und anschließend inhaftiert. Im Juli 2021 wurde er von unserem Team auf der Ocean Viking gerettet.

„Dies war mein dritter Versuch, das Mittelmeer zu überqueren. Ich wurde zweimal abgefangen, das erste Mal am 10. Oktober 2020. Am 11. Oktober wurde ich verhaftet und im Lager von Zliten festgehalten. Dort verbrachte ich drei Monate und drei Wochen. Ich wurde massiv geschlagen und man hat mir alles weggenommen. Wir bekamen nur ein halbes Stücke Brot zu essen. Zweimal in der Woche kamen humanitäre Organisationen in die Haftanstalt. Sie gaben uns Handys, damit wir mit unseren Eltern sprechen konnten. Aber sie können Menschen nicht befreien – das liegt nicht in ihrer Macht.

Von Zliten wurde ich in ein Haftzentrum in Zawiyah verlegt. Um ehrlich zu sein, ich bin geflohen. Ich bin zusammen mit 150 anderen geflohen, es war ein Massenausbruch.

Dann habe ich zum zweiten Mal versucht, das Meer zu überqueren. Am 4. Februar dieses Jahres wurde ich abgefangen und am 5. Februar in Gewahrsam genommen. Wieder zurück nach Zawiyah. Dort habe ich drei Wochen verbracht. Mit drei anderen bin ich erneut geflohen.

Dies ist also mein dritter Versuch. Für den ersten habe ich 700 US-Dollar bezahlt, für den zweiten 800 US-Dollar und für den dritten 1.200 US-Dollar. Ich habe bereits 1.500 US-Dollar bezahlt, um von Mali nach Libyen durch die Wüste geschleust zu werden. Da man in Libyen nicht wirklich Geld verdienen kann, muss man borgen, borgen, borgen.

Deshalb ziehen wir es vor, auf dem Meer zu sterben, anstatt in Libyen zu leben. Denn es gibt keinen anderen Ausweg. Meine Eltern wissen nicht, dass ich am Leben bin.“


Was Hassan unserer Crew berichtet hat, belegt den systematischen Kreislauf der Gewalt, den eine die Untersuchungskommission zu Libyen des UN-Menschenrechtsrates in ihrem Bericht letzte Woche dargelegt hat:

Menschen, die versuchen auf Booten über das Mittelmeer zu fliehen, werden von der EU-finanzierten libyschen Küstenwache gewaltsam abgefangen und auf unbestimmte Zeit in Internierungslager gebracht. Dort sind zurzeit rund 7.000 Geflüchtete menschenunwürdigen Haftbedingungen, Folter und sexualisierter Gewalt ausgesetzt.

Sie und ihre Angehörigen werden somit erpresst, hohe Geldzahlungen an Menschenhändler und Schmuggler zu leisten, um aus dieser “Hölle”, wie sie sagen, herauszukommen. Diese setzen die Geflüchteten dann auf seeuntaugliche Boote, die wiederum auf See abgefangen werden. So gelangen die Geflüchteten wieder in Internierungslager und der Kreislauf von Gewalt, Ausbeutung und Flucht geht immer weiter.

Die Erkundungsmission sieht darin nach eigenen Angaben stichhaltige Hinweise für Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

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*Der Name wurde geändert, um die Anonymität der Überlebenden zu schützen.
Bildnachweis: Flavio Gasperini / SOS MEDITERRANEE