FAQs

Warum rettet SOS MEDITERRANEE im Mittelmeer Menschen vor dem Ertrinken?

Das Mittelmeer ist zur tödlichsten Grenze der Welt geworden. Zehntausende Menschen sind seit 2000 im Mittelmeer ertrunken oder gelten als vermisst [1]. Wie viele nie ankamen, weil ihre Boote sanken und ohne Spur verschwanden, wissen wir nicht.

Gleichzeitig hat die Europäische Union bis heute keine gemeinsame Antwort auf Sterben im Mittelmeer gefunden [2]. Menschen sind aufgrund fehlender Alternativen dazu gezwungen, die gefährliche Fluchtroute über das Mittelmeer zu nehmen. Die vorhandenen Rettungskapazitäten sind völlig unzureichend.

SOS MEDITERRANEE wurde am 9. Mai 2015 in der Überzeugung gegründet, dass niemand im Mittelmeer ertrinken darf – unabhängig von Herkunft, ethnischer Zugehörigkeit und Fluchtgründen. Den fehlenden Rettungskapazitäten im Mittelmeer wollte ein Kreis engagierter Bürgerinnen und Bürger der europäischen Zivilgesellschaft, darunter professionelle Seefahrer*innen und humanitären Helfer*innen, etwas entgegensetzen. Von Februar 2016 bis Oktober 2018 war SOS MEDITERRANEE mit dem Rettungsschiff Aquarius ohne Unterbrechung im Mittelmeer im Einsatz.

Warum überhaupt eine ZIVILE Initiative zur Seenotrettung?

Die zivile Seenotrettung unterscheidet sich von anderen Formen der Seenotrettungen in einem entscheidenden Punkt: sie ist allein dem Retten von Menschen aus Seenot verpflichtet und verfolgt keine anderen politischen Ziele. SOS MEDITERRANEE ist eine humanitäre Initiative, der Achtung der Menschenwürde verpflichtet. Die setzt sich für alle Menschen in Seenot ein.

Als ziviler Beobachter berichtet SOS MEDITERRANEE von der Situation im Mittelmeer und dokumentiert Rechtsverstöße auf See. Unabhängige Journalist*innen und Medienteams begleiten regelmäßig die Rettungseinsätze der Aquarius. So wird die europäische Öffentlichkeit über die Realität von Flucht und Migration im Mittelmeer informiert.

Wie finanziert sich SOS MEDITERRANEE Deutschland?

SOS MEDITERRANEE Deutschland e.V. ist ein gemeinnütziger Verein und finanziert sich ausschließlich durch Spenden. Unser Partner „Ärzte ohne Grenzen“ beteiligte sich an den monatlichen Kosten für unser Rettungsschiff Aquarius und stellte das medizinische Team an Bord.

Zusammen mit unseren Vereinen in Frankreich, Italien und der Schweiz finanzierten wir so von Februar 2016 bis Dezember 2018 den Betrieb der Aquarius und verstehen uns gemeinsam als SOS MEDITERRANEE.

Welche gesetzlichen Grundlagen gibt es für die Seenotrettung?

Das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen vom 10. November 1982 bildet die rechtliche Grundlage für Rettungseinsätze im Mittelmeer. Art. 98 Abs. 1 lautet: „Jeder Staat verpflichtet den Kapitän eines seine Flagge führenden Schiffes, soweit der Kapitän ohne ernste Gefährdung des Schiffes, der Besatzung oder der Fahrgäste dazu imstande ist, jeder Person, die auf See in Lebensgefahr angetroffen wird, Hilfe zu leisten.“

In welchem Gebiet wird gerettet?

Im zentralen Mittelmeer zwischen Libyen und Italien kommt es statistisch gesehen zu den meisten Seenotfällen. Die Rettungen finden außerhalb libyscher Territorialgewässer, der sogenannten 12-Meilen-Zone, statt. Bis zum Sommer 2018 wurden alle Einsätze von der italienischen Seenotleitstelle (MRCC Rom) koordiniert. Inzwischen ist Libyen offiziell für die Koordination der Rettungseinsätze zuständig. Die Teams von SOS MEDITERRANEE beobachten seit Sommer 2017 immer wieder, wie die libysche Küstenwache Flüchtende in internationalen Gewässern abfängt und illegal nach Libyen zurückbringt.

Mit wem arbeitet SOS MEDITERRANEE auf See zusammen?

SOS MEDITERRANEE koordiniert alle Rettungseinsätze mit den zuständigen Seefahrtsbehörden. Diese legen fest, mit wem wir bei unseren Rettungseinsätzen zusammenarbeiten, ob und wann wir Gerettete von anderen Schiffen übernehmen und in welchen sicheren Hafen wir sie bringen. Im Juni 2018 hat Italien die Verantwortung für die Koordination aller Rettungseinsätze in internationalen Gewässern an Libyen übergeben. Seitdem stehen auch die Rettungen der Aquarius theoretisch unter Koordination der libyschen Behörden.

Wie sieht die Zusammenarbeit mit der libyschen Küstenwache aus?

SOS MEDITERRANEE hat seine Rettungseinsätze stets in Koordination mit den zuständigen Seefahrtsbehörden durchgeführt und hält sich auch weiterhin an geltendes Seerecht. Dies beinhaltet die Koordination mit der jeweiligen Seenotleitstelle. So hat SOS MEDITERRANEE die libysche Koordinierungsstelle während der letzten Einsätze stets und regelmäßig über den Verlauf der Rettung informiert. Die Kontaktversuche mit der libyschen Einsatzstelle blieben aber meist vergeblich. Entweder meldete sich vonseiten der libyschen Behörden niemand auf die Funkanrufe und Emails oder erst mit erheblicher Verspätung oder aber es wurde kein Englisch gesprochen. Von einer effektiven und schnellen Koordination von Rettungseinsätzen kann bei den libyschen Behörden zurzeit keine Rede sein.

Theoretisch ist das libysche Koordinationszentrum (LY-JRCC) nach einer Rettung auch für die Zuweisung eines Hafens zuständig. Bringt SOS MEDITERRANEE Gerettete nach Libyen?

Nein. Laut internationalem Seerecht ist eine Rettung erst dann abgeschlossen, wenn die Überlebenden an einen sicheren Ort gebracht wurden, wo keine Gefahr für ihr Leben besteht und sie Nahrung, Unterkunft und medizinische Versorgung erhalten (siehe SOLAS / Kapitel 5 / Regulation 33) [3]. Diese Kriterien treffen auf Libyen nicht zu [4][5]. Migrant*innen und Flüchtende sind dort erwiesenermaßen massiven Menschenrechtsverletzungen wie willkürlicher Inhaftierung, Folter, Zwangsarbeit und sexueller Ausbeutung ausgesetzt. Eine Rückführung in diese Länder würde damit einen Verstoß sowohl gegen geltendes maritimes Recht als auch gegen das international gültige Nicht–Zurückweisungsgebot [6] darstellen. Auch das UN-Flüchtlingshilfswerk hat erst vor kurzem betont, dass Libyen kein sicherer Ort für im Mittelmeer gerettete Menschen ist [7].

Wer sind die Menschen, die gerettet werden und woher kommen sie?

Bis Dezember 2018 hat SOS MEDITERRANEE fast 30.000 Menschen aus Seenot gerettet und an Bord der Aquarius versorgt. Die Mehrheit der Geretteten kommt aus West- und Ostafrika: Neben Nigeria und Eritrea gehören Guinea Conakry, die Elfenbeinküste, Mali, Senegal, Gambia, Ghana und der Sudan zu den häufigsten Herkunftsländern. Aber auch Bangladesch gehört zu den Hauptherkunftsländern der Geretteten. Die meisten von ihnen (85%) sind Männer, circa 15% Frauen. 1/3 der Geretteten hatte zum Zeitpunkt der Rettung nicht einmal die Volljährigkeit erreicht. Bei den meisten von ihnen handelt es sich um sogenannte „unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“.

Die überwiegende Mehrheit der Geretteten hat vor der Überquerung des Mittelmeers längere Zeit in Libyen verbracht. An Bord berichten die Geretteten unseren Teams, dass sie während ihres Aufenthalts in Libyen direkt oder indirekt von massiven Menschenrechtsverletzungen betroffen waren. Gewalt und Ausbeutung sind dort an der Tagesordnung. Diese Berichte sammeln wir als „Stimmen der Geretteten“ auf unserer Website.

Wie läuft ein exemplarischer Rettungseinsatz ab?

Bis Mai 2018 hat uns die italienische Seenotleitstelle MRCC Rom über Boote in Seenot informiert und unser Schiff daraufhin mit der Rettung beauftragt. Seit Italien die Verantwortung für die Koordination von Rettungen in internationalen Gewässern im zentralen Mittelmeer an Libyen übergeben hat, sind wir bei der Suche nach Booten in Seenot komplett auf das Team der Aquarius und andere zivile Schiffe und Aufklärungsflugzeuge wie z.B. die „Moonbird“ von Sea Watch angewiesen. Von staatlicher, sprich libyscher Seite, erhalten wir äußerst wenig bis gar keine Informationen über in Seenot geratene Menschen.

Wird ein in Seenot geratenes Boot lokalisiert, begibt sich die Aquarius zum Einsatzort und beginnt in Koordination mit der zuständigen Seefahrtbehörde mit der Rettung. Das Rettungsteam nähert sich mit den Beibooten dem betroffenen Boot und nimmt Kontakt mit den Menschen an Bord auf. Nachdem an alle Rettungswesten verteilt wurden, beginnt unser Team, die Menschen in kleinen Gruppen an Bord der Beiboote zu nehmen. Medizinische Notfälle werden zuerst evakuiert. Anschließend Kinder und Frauen und dann Männer. Unser Partner „Ärzte ohne Grenzen“ stellt die medizinische Versorgung sicher, bis die Aquarius einen sicheren Hafen erreicht und die Geretteten von Bord gehen können.

Was passiert nach der Rettung?

An Bord werden die Geretteten von unserem Partner „Ärzte ohne Grenzen“ medizinisch versorgt. Alle Geretteten erhalten frische Kleidung und Nahrung. Frauen und Kinder werden in einem eigenen Rückzugsraum, dem sogenannten „Shelter“, untergebracht. Außerdem dokumentieren unsere Teams die Geschichten der Geflüchteten.

Bis zum Sommer 2018 hat das italienische MRCC die Rettung koordiniert und dementsprechend auch einen sicheren Hafen zugewiesen. Indem sowohl Italien als auch Malta ihre Häfen für zivile Rettungsschiffe geschlossen haben, wird aktuell geltendes Seerecht außer Kraft gesetzt. Das hat in der Vergangenheit zu diplomatischen Patt-Situationen geführt, bei denen Rettungsschiffe mehrere Tage auf See ausharren mussten [8][9], ehe die Geretteten in einem sicheren Hafen an Land gehen konnten.

Führt die Präsenz von zivilen Rettungsschiffen nicht dazu, dass mehr Menschen die gefährliche Überfahrt wagen?

Die Frage geht von der Voraussetzung aus, dass es zulässig ist, Menschen, die sich in Seenot befinden, nicht zu retten, um weitere Menschen von einer möglichen Flucht abzuhalten. Diese Voraussetzung halten wir für unmenschlich und zynisch. Sie steht außerdem im Gegensatz zur gesetzlichen Verpflichtung, jeder Person in Seenot Hilfe zu leisten. Wer das nicht tut, macht sich strafbar.

Eine Reihe wissenschaftlicher Studien hat außerdem eindeutig bewiesen, dass kein Zusammenhang zwischen der Präsenz ziviler Seenotretter*innen und der Zahl der Flüchtenden besteht. Menschen fliehen aus Gründen, auf welche die Anzahl der Rettungsschiffe keinen Einfluss hat. Weniger Rettungsschiffe führen nicht zu weniger Flüchtenden sondern zu mehr Toten auf der Flucht [10][11].

Welche Auswirkungen hat die veränderte Situation auf die Zukunft der zivilen Seenotrettung?

Leben retten ist keine Option, sondern eine moralische und rechtliche Verpflichtung. Die Pflicht zur Seenotrettung ist im Seevölkerrecht festgeschrieben und gilt für jeden Kapitän und jede Kapitänin. Wer Menschen in Seenot nicht hilft, macht sich also strafbar.
Die zivilen Seenotretter*innen lassen sich trotz Kriminalisierung und Blockade durch die europäischen Staaten nicht vom Retten abhalten.

Welche Forderungen stellt SOS MEDITERRANEE an die Staaten Europas?

  • Der Respekt vor menschlichem Leben muss an erster Stelle stehen. Alle anderen Überlegungen kommen danach;
  • Die Überlebenden an Bord der Rettungsschiffe sind verwundbar und müssen mit Würde und Menschlichkeit behandelt werden, sowie die notwendige Versorgung erhalten, die ihr verwundbarer Zustand erfordert. Eine Rettung ist nach geltendem Recht erst dann beendet, wenn ein sicherer Hafen erreicht wurde;
  • Einen klaren Rahmen für die Durchführung von Such- und Rettungseinsätzen, basierend auf humanitärem Völkerrecht und internationalem Seerecht;
  • Zuständige Seebehörden müssen uneingeschränkt ihrer Verpflichtung nachkommen dürfen, die Koordination von Such- und Rettungseinsätzen zu übernehmen und effizient auszuführen;
  • Im Mittelmeer müssen genügend und angemessen ausgestattete Rettungsschiffe eingesetzt werden, um eine vollständige Abdeckung des Rettungsgebiets zu gewährleisten;
  • Laut Vorschriften auf See, darf das Anlanden der geretteten Menschen am nächsten sicheren Hafen nicht verzögert werden.

Wie kann man SOS MEDITERRANEE unterstützen?

SOS MEDITERRANEE wird von der europäischen Zivilgesellschaft getragen. An Bord unseres Rettungsschiffs Aquarius arbeiten Freiwillige aus den Bereichen Seefahrt, Katastrophenhilfe und humanitärer Hilfe aus der ganzen Welt. Damit wir auch weiterhin professionell Leben retten können, benötigen wir Geldspenden aus der Zivilgesellschaft. Außerdem freuen wir uns über aktive Unterstützung mittels Spendenaktionen, Benefizkonzerten usw..

Spenden können Sie hier.