Verleihung des Bundesverdienstkreuz

Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am Bande: Die Rede des SOS MEDITERRANEE Gründers Dr. Klaus Vogel

Kurzfassung der Rede von Dr. Klaus Vogel, Initiator und Gründer von SOS MEDITERRANEE, anlässlich der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am Bande am 2. Juli 2021 in Berlin

 

„Ich möchte diese Auszeichnung den vielen Menschen widmen, die in den vergangenen Wochen, Monaten, Jahren und Jahrzehnten im Mittelmeer gestorben sind – und denen, die weiter dringend unseren Schutz benötigen, weil sie dort täglich in höchster Lebensgefahr sind.

Um das Sterben im Mittelmeer zu stoppen und die Menschen, die dort fast täglich in Seenot geraten zu retten, zu schützen und ihre Lage zu bezeugen, haben wir SOS MEDITERRANEE als europäische Organisation gegründet. Niemand sollte sterben müssen, weil es im Mittelmeer eine Außengrenze von Europa gibt.

Die europäischen Regierungen verweigern sich der Pflicht, Menschen in höchster Lebensgefahr vor ihrer Tür zu retten und in Sicherheit zu bringen. Von großen Teilen der europäischen Politik wird das Mittelmeer als Bollwerk gegen Migranten eingesetzt. In diesem tiefen Graben vor Europa liegen Hunderte gesunkene Flüchtlingsboote und Tausende von Leichen. Es sind Massengräber vor der Küste Europas. Mit den von uns gewählten Politikern tragen wir als Bürger von Europa dafür die Verantwortung.

Es ist ein Verbrechen, schutzsuchende Menschen im Mittelmeer durch tausendfache, bewusst unterlassene Hilfeleistung wissentlich dem Ertrinken zu überlassen. Ein Verbrechen, auf das, ebenso wie auf die “Behinderung von hilfeleistenden Personen”, nach dem deutschen Strafgesetzbuch bis zu einem Jahr Gefängnis steht – und auf das dennoch viel zu selten, viel zu spät ein gesellschaftlicher Aufschrei folgt. Die behördliche Festsetzung von zivilen Rettungsschiffen, die immer wieder praktiziert wird, zählt für mich zu einer solchen mutwilligen Behinderung von hilfeleistenden Personen. Auch jetzt gerade werden mehrere dringend benötigte Rettungsschiffe von italienischen Behörden unter fadenscheinigen Vorwürfen festgehalten.

Die humanitäre Krise im Mittelmeer ist noch immer nicht vorbei, sie hat sich sogar noch vertieft. Seit 2018 unterstützen die europäischen Staaten die sogenannte libysche Küstenwache dabei, die Flüchtenden vor der Küste abzufangen und nach Libyen zurückzubringen. In menschenunwürdigen Internierungslagern herrschen dort Missbrauch, Folter und Ausbeutung, die Geflüchteten sind der allgegenwärtigen Gewalt schutzlos ausgeliefert. Wir sind viel zu schnell bereit, wegzuschauen und uns an die kurzen Nachrichten über ferne Missstände zu gewöhnen. Doch wir haben sie mitverursacht. Sie liegen vor unserer Haustüre.

Die konkrete Politik der Europäischen Union an ihren Außengrenzen wie dem Mittelmeer ist einseitig von Abwehr und von Angst gesteuert, sie ist unmenschlich, fremdenfeindlich und rassistisch. Diese Politik muss sofort beendet werden. Wenn Menschen in Lebensgefahr sind, müssen wir sie retten und beschützen. Ohne Humanität kann Migration nicht positiv gestaltet werden. Wir müssen weiter alles dafür tun, um Flüchtende auf dem Mittelmeer zu retten und an einen sicheren Ort zu bringen – im Einklang mit dem See- und Völkerrecht und unseren humanitären Werten. Wir brauchen dringend eine staatlich koordinierte, europäische Seenotrettung. Nur so können wir die solidarische, auf universelle Menschenrechte gestützte europäische Demokratie bewahren. “


Klaus Vogel ist Kapitän und Historiker. Nach dem Ende des italienischen Seenotrettungsprogramms „Mare Nostrum“ gründete er 2015 gemeinsam mit Mitstreiter*innen aus ganz Europa die europäische Seenotrettungsorganisation SOS MEDITERRANEE. Klaus Vogel ist Gründungsvorsitzender des deutschen Vereins.

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Pressekontakt:
Petra Krischok, SOS MEDITERRANEE Deutschland e.V., presse@sosmediterranee.org,
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Fotonachweis: SOS MEDITERRANEE / Laurin Schmid