[Blick auf das zentrale Mittelmeer] Während Staaten weiter wegschauen, mobilisiert die Zivilgesellschaft – aller Widerstände zum Trotz

[18. August bis 02. September 2020] Auf Grundlage öffentlicher Berichte anderer NGOs, internationaler Organisationen und der internationalen Presse geben wir einen Überblick zu Such- und Rettungseinsätzen in den letzten zwei Wochen im zentralen Mittelmeer. Dieser hat nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, verschafft aber einen Eindruck über die Entwicklungen in dem Gebiet, in dem wir seit 2016 als Such- und Rettungsorganisation tätig sind.

Hohe Anzahl an Todesopfern, hunderte von Menschen vermisst oder gewaltsam nach Libyen zurückgeschickt

Auch in diesem Jahr war der August auf der gefährlichsten maritimen Fluchtroute der Welt besonders tödlich. Verschiedenen Berichten von vor Ort aktiven NGOs zufolge wurden im zentralen Mittelmeer immer wieder nicht seetüchtige Boote in Seenot gemeldet. Nach wie vor wurden diese Notrufe von den maritimen Behörden nur selten oder nur mit großer Verspätung beantwortet. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) sind im August 69 Menschen bei dem Versuch über das Mittelmeer zu fliehen gestorben. Am 17. August kamen beim „diesjährigen größten Schiffsunglück vor der libyschen Küste“ (IOM) 45 Menschen ums Leben. Das UN-Flüchtlingshilfswerk, UNHCR, und IOM riefen angesichts dieser erneuten Katastrophe zum dringenden Handeln auf. Nach Libyen zurückgebrachte Überlebende schilderten, dass das Boot in Brand geraten war und mehrere Menschen verbrannten.

Die Initiative Alarm Phone geht davon aus, dass sich in dem besagten Zeitraum insgesamt vier Schiffsunglücke ereignet haben und weitaus mehr Menschen ertrunken sind oder als vermisst gelten. Sie beruft sich dabei auf Zeugenaussagen und in der Woche vom 12. Bis 17. August gesammelten Informationen. Zeitgleich wurden an der libyschen Küste mehrere angespülte Leichen geborgen.

Ein weiterer Toter wurde am 28. August von dem Rettungsschiff Louise Michel aus einem in Seenot geratenen Schlauchboot geborgen. Nach Angaben der 130 Überlebenden starben bei der Überfahrt drei weitere Personen, die später von der italienischen Küstenwache nach Lampedusa überführt wurden.

Nach Angaben der IOM wurden in den letzten beiden Augustwochen mindestens 700 Menschen auf See abgefangen und gewaltsam nach Libyen zurückgezwungen.

Neue zivile Rettungsschiffe im zentralen Mittelmeer

Die zivilen Such- und Rettungsschiffe Sea Watch 3 und die Ocean Viking von SOS MEDITERRANEE werden weiterhin von den italienischen Behörden in Porto Empedocle, Sizilien, festgehalten. Auch die Alan Kurdi von Sea Eye und die Aita Mari von Salvamento Marítimo Humanitario (SMH) sind nach den Inspektionen der italienischen Behörden im Frühjahr immer noch nicht in der Lage, ihren lebensrettenden Einsatz wieder aufzunehmen. Doch die Zivilgesellschaft setzt alles daran, die Präsenz und Verfügbarkeit von Such- und Rettungskapazitäten (SAR) im zentralen Mittelmeerraum zu gewährleisten. In der zweiten Augusthälfte nahmen zwei neue Such- und Rettungsschiffe ihren Einsatz auf:

  • das Schiff Sea-Watch 4, das von dem Bündnis United4Rescue auf Initiative der Evangelischen Kirche in Deutschland gekauft wurde und von Sea-Watch betrieben wird. Ärzte ohne Grenzen (Médecins Sans Frontières, MSF) leistet medizinische und humanitäre Hilfe an Bord.
  • die MV Louise Michel, die mit dem Erlös aus dem Verkauf der Kunstwerke des Straßenkünstlers Banksy gekauft wurde.

Allein diese Schiffe sind seit Beginn ihrer Einsätze am 22. August 2020 mehr als 400 Menschen in Seenot zu Hilfe gekommen.

Darüber hinaus sind die beiden Schiffe der SAR-NGO Pro Activa Open Arms, die Astral und die Open Arms Ende August nach mehrmonatiger Abwesenheit ins zentrale Mittelmeer zurückgekehrt. Grund für die lange Einsatzpause waren hauptsächlich notwendige Reparaturen, die an der Open Arms durchgeführt werden mussten.

Handels- und NGO-Schiffe blockiert – Gerettete werden auf See allein gelassen

Europäische Staaten haben im letzten Monat einen neuen Tiefpunkt bei der Missachtung ihrer seerechtlichen Verpflichtungen im zentralen Mittelmeer erreicht. Seit mehr als zwei Jahren werden Schiffe, die Menschen aus Seenot gerettet haben, immer wieder auf See blockiert und können diese nicht – wie im internationalen Seerecht festgeschrieben – zügig an einem sicheren Ort von Bord gehen lassen. Sowohl Handelsschiffe als auch NGOs sind von dieser Praxis betroffen. Schutzbedürftige Menschen werden tage- oder wochenlang unter prekären Bedingungen auf See allein gelassen, obwohl Schiffe nicht als sicherer Ort für aus Seenot gerettete Menschen angesehen werden können.

Der Öltanker Maersk Etienne rettete am 4. August 27 Menschen und reagierte damit auf den von einem kleinen Boot abgesetzten Notruf sowie, wie von der Reederei Maersk angegeben, auf Anweisung des maltesischen Rettungskoordinationszentrums. Die Etienne erlebt seitdem die längste Blockadesituation, der ein Schiff mit Geretteten bisher im zentralen Mittelmeer ausgesetzt war. Eine Lösung für die Ausschiffung der geretteten Personen an einen sicheren Ort, wie im internationalen Seerecht vorgeschrieben, wurde bisher noch nicht gefunden.

IOM und UNHCR forderten am 29. August die sofortige Ausschiffung der Überlebenden und erklärten, dass „es von entscheidender Bedeutung ist, dass es [Handelsschiffen] gestattet wird, die geretteten Passagiere unverzüglich von Bord zu lassen, da ohne solche zeitnahen Verfahren die Kapitäne von Handelsschiffen davon abgehalten werden könnten, Notrufen nachzukommen, aus Angst, wochenlang auf See festzusitzen“. Eine Sorge, die SOS MEDITERRANEE teilt: Wenn Kapitän*innen von Schiffen davon abgehalten werden, ihrer Pflicht zur Rettung nachzukommen, obwohl sie hierzu in der Lage wären, werden noch mehr Menschen ihr Leben verlieren..

Auch die Sea-Watch 4 musste mit mehr als 350 Geretteten an Bord längere Zeit auf See ausharren. Einige der Überlebenden waren bereits elf Tage auf See, als sie am 1. September endlich die erleichternde Nachricht erhielten, dass alle Geretteten in Palermo von Bord gehen können. Dort werden sie auf ein Quarantäneschiff verlegt.

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Aktuelle Daten zu Toten und Vermissten im zentralen Mittelmeer veröffentlicht IOM auf der Seite „Missing Migrants“.

Photo credits: Yann Levy / SOS MEDITERRANEE