Ocean-Viking-in-Drydock

Was passiert im Trockendock? – Interview mit Stéphane, Seefahrtsmanager für SOS MEDITERRANEE

Nachdem die Ocean Viking Anfang Mai 236 Überlebende in Augusta, Sizilien, an Land gebracht hat, ist sie am 25. Mai in der Werft in Neapel eingetroffen. Bevor das Schiff wieder in See sticht, wird es dort obligatorischen und routinemäßigen Wartungsarbeiten unterzogen.

Maritime-Manager-StephWarum die Ocean Viking ins Trockendock muss und welche Arbeiten dort durchgeführt werden, erklärt in diesem Interview Stéphane. Er ist Seefahrtsmanager in der operativen Abteilung von SOS MEDITERRANEE. Dort koordiniert er die anfallenden Arbeiten und auch die Wartungsarbeiten, die in Zusammenarbeit mit dem Schiffseigner auf der Ocean Viking durchgeführt werden. Stéphane ist ehemaliger Offizier der Handelsmarine. Schon zu Beginn des Jahres 2016 kommt er als Retter zu SOS MEDITERRANEE und ist Teil der Crew auf unserem ersten Rettungsschiff, der Aquarius. Sein Befremden darüber „mit einem Pass frei reisen zu können, während andere den Tod riskieren, um ein besseres Leben zu haben“, ist die Motivation seiner Arbeit.

Die Ocean Viking muss ins Trockendock. Was passiert dort?

Ins Trockendock zu gehen bedeutet, ein Schiff komplett aus dem Wasser zu nehmen. Mit einer Länge von fast 70 Metern und einer Breite von mehr als 15 Metern wiegt die Ocean Viking mehrere hundert Tonnen. Daher ist das Trockendocken ein heikler Vorgang, der nur in speziellen Werften mit „Graving Dock“ durchgeführt werden kann – also in Werften, die über ein Becken verfügen, das sich dank eines schleusenähnlichen Türsystems schließen und entleeren lässt. Das Schiff muss dabei auf seine Blöcke [1] gelegt werden. Dafür gibt es einen sogenannten Blockingplan [2], der am Ende des Baus erstellt wurde und der spezifisch auf den Rumpf der Ocean Viking angepasst ist.

Je nach Wetterlage wird der Aufenthalt im Trockendock zwischen sechs und acht Tagen dauern. Davon braucht es einen Tag, um das Schiff aus dem Wasser zu nehmen und einen Tag, um es wieder auf das Wasser zu setzen.

Der Zweck des Trockendocks ist es, den Zustand aller Gerätschaften unterhalb der eigentlichen Wasserlinie zu überprüfen. Zuerst muss der Rumpf des Schiffes sandgestrahlt werden, um die Farbe zu entfernen. So kann anschließend die Dicke des Rumpfes durch ein Lasersystem kontrolliert werden. Außerdem müssen der allgemeine Zustand des Schiffspropellers und dessen Verbindungen sowie das Dichtungssystem der Propellerwelle überprüft werden. Auch der Anker muss auf Grund gelegt werden. Das selbe gilt für die Ankerketten, die ausgerollt und begutachtet werden. Auch das Bugstrahlruder sowie alle Seewasser, Ein- und Auslassventile müssen kontrolliert werden. Schließlich ist es nötig, den Rumpf komplett neu zu streichen und ein Antifouling [3] aufzubringen, damit das Schiff wieder aufs Wasser gebracht werden kann. Ist dies alles getan, ist das Schiff wieder startklar.

Außerdem nutzen wir die Zeit im Trockendock für die Durchführung weiterer Arbeiten, um die Aufnahmebedingungen für die Überlebenden an Bord weiter zu verbessern.

Welche Verbesserungen werden an der Ocean Viking vorgenommen?

Zwischen der Unterkunft für Männer und der Klinik befindet sich ein erhöhtes Holzdeck, ein Aufenthaltsort mit Sitz- und Liegeplatz für Überlebende. Um die Haltbarkeit und den Komfort für die Geretteten zu verbessern, wird es ersetzt und verbessert.

Nach seiner Erneuerung wird es einige Zentimeter höher liegen , so dass Meer- und Regenwasser besser abfließen können. Außerdem werden an den Containern der Steuerbordseite Luftöffnungen angebracht. Normalerweise wird in diesen Containern Ausrüstung gelagert. Sie können jedoch geöffnet werden, wenn zusätzlicher Platz für Überlebende benötigt wird.

Bevor das Schiff von SOS MEDITERRANEE gechartert wurde, waren drei Winden an Bord angebracht; um Platz auf dem Hauptdeck zu schaffen, werden sie abmontiert. Außerdem wird eine Müllpresse installiert, um unser Abfallvolumen zu reduzieren und den Platz an Bord zu optimieren.

Im Juni 2019 haben wird auf dem Deck der Ocean Viking Container aufgestellt. Diese dienen zum einen als Unterkünfte, zum anderen als medizinische Räume und müssen regelmäßig gewartet werden. Die Zeit in der Werft nutzen wir, um ihren guten Allgemeinzustand zu halten und schleifen, entrosten und streichen.

All diese Arbeiten dienen der Verbesserung der Aufnahme Geretteter. Derzeit sind die Arbeiten jedoch komplexer als sonst, denn die Lieferketten der Materialien sind aufgrund der COVID-19 Pandemie weltweit unterbrochen oder verzögert. Unter Berücksichtigung dessen, tut unser Team alles, um die Arbeiten zügig abzuschließen. Wir wollen so schnell wie möglich wieder in See stechen. Trotz Pandemie hält der Notstand auf See weiter an.

Das zentrale Mittelmeer ist die tödlichste Migrationsroute der Welt. Wann immer das Wetter es zulässt, fliehen Menschen in seeuntüchtigen Booten aus Libyen. Unabhängig davon, ob sich Such- und Rettungsschiffe in internationalen Gewässern vor der Küste befinden oder nicht. Sie zu retten, ist sowohl eine rechtliche als auch eine moralische Verpflichtung.

Seit Anfang des Jahres sind nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) mehr als 630 Menschen im zentralen Mittelmeer gestorben – die Menschen, die ungesehen ertrunken sind, nicht mitgerechnet.

Warum werden diese Arbeiten jetzt an der Ocean Viking durchgeführt?

Alle kommerziellen Schiffe sind gesetzlich dazu verpflichtet, alle fünf Jahre trocken zu docken. Das Trockendocken fällt unter die Verantwortung des Schiffseigners. Die Arbeiten werden von der Klassifikationsgesellschaft der Ocean Viking kontrolliert. Nach Abschluss der Arbeiten erneuert diese alle Zertifikate des Schiffes.

Aus logistischen Gründen konnte das Trockendocking nicht durchgeführt werden, während wir aufgrund der administrativen Festsetzung von Juli bis Dezember 2020 zu einem Hafenaufenthalt gezwungen waren. Im vergangenen Herbst haben wir uns ausschließlich auf die Arbeiten konzentriert, die dazu beitrugen, dass die Ocean Viking so schnell wie möglich wieder frei kommt. Übergeordnetes Ziel war die Wiederaufnahme unseres Einsatzes . Es ist selten, dass ein Schiff zweimal innerhalb von sechs Monaten in die Werft kommt. Die administrativen Blockaden, die wir erlebt haben, haben uns jedoch gezwungen, diese Arbeiten separat durchzuführen.

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[1] Reihe von Holzteilen, auf denen der Kiel eines Schiffes ruht
[2] Legeplan für die Verlegung eines Schiffes ins Trockendock
[3] biozidhaltige Farbe, die verhindert, dass sich Wasserorganismen am Schiffsrumpf festsetzen
Fotonachweise: Mathieu Oriot / SOS MEDITERRANEE