Ausstellungsansicht

„Wenn nicht jetzt, wann dann?“ – Arye Wachsmuth, zeitgenössischer Künstler, im Interview

Am 08. Oktober 2020 eröffnete das Weltmuseum Wien die Ausstellung „Stories of Traumatic Pasts – Counter-Archives of Future Memories“. Aktuellen Themen widmet sich in diesem Zusammenhang der zeitgenössische Künstler Arye Wachsmuth. Von ihm wird unter anderem die Installation „THE VOICES – a compilation of testimonies“ zu sehen sein, in der von SOS MEDITERRANEE veröffentlichte „Stimmen der Geretteten“ gezeigt werden.

Wir haben mit Arye Wachsmuth gesprochen, um mehr über seine Arbeit und die Motivation, Geschichten Geretteter in den Vordergrund zu stellen, zu erfahren.

Herr Wachsmuth, vielen lieben Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen! Können Sie sich und ihre Arbeit im Rahmen der Ausstellung kurz vorstellen?

„Um 2013 habe ich begonnen die Fluchtbewegung nach Österreich fotografisch zu dokumentieren und mich verstärkt mit dem Thema Flucht auseinanderzusetzen. Als Künstler habe ich mich viel mit Geschichte und deren Aufarbeitung beschäftigt. Ab 2015 kam die Freiwilligenarbeit mit Flüchtenden dazu, die ich nach wie vor ausübe – zuletzt in Bosnien im Camp Vučjak. Irgendwann war es unumgänglich, dass sich die Themen Kunst, Dokumentation und der Einsatz für Menschenrechte, wenn auch behutsam, treffen.“

Was hat Sie bewogen, die Situation auf dem Mittelmeer in Ihre Arbeit mit einfließen zu lassen?

„Für die Ausstellung „Stories of Traumatic Pasts – Counter-Archives of Future Memories“, die europäische und koloniale Historie thematisiert, wollte ich unbedingt aktuelle Geschehnisse aufarbeiten und kontextualisieren. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Die Situationen im Mittelmeer sind beispiellos grausam und haben tausenden Menschen das Leben gekostet. Ich habe selbst erlebt, wie in Griechenland und auf der sogenannten Balkan-Route Menschenrechte verletzt werden. Dass Menschen zum Ertrinken freigegeben werden, sprengt jede Vorstellungskraft. Wenn zudem humanitäre Hilfe verunmöglicht wird, muss man versuchen, dies aktiv zu korrigieren. Die Ausstellung soll mit der Hilfe von Kunst darüber aufklären.

In der Mehrfachinstallation im Weltmuseum in Wien thematisiere ich mit Videos und Fotos verschiedene Gesichtspunkte: Zum einen Fluchterfahrungen, zum anderen die fehlende Verantwortung Europas.

Ein Aspekt war mir dabei sehr wichtig: Die Arbeit jener Menschen miteinzubeziehen, die diese Verantwortung auf sich genommen haben, und sich dafür einsetzen, dass Menschen nicht zu tausenden ertrinken.“

Wie sind Sie auf SOS MEDITERRANEE aufmerksam geworden? Welche Rolle spielen Augenzeugenberichte für Sie und warum sind Sie wichtig?

„Die Hilfe von SOS MEDITERRANEE habe ich schon länger verfolgt. Insbesondere ist mir die Langzeit-Dokumentation „Die Stimmen der Geretteten“ aufgefallen. Es hat mich beindruckt wie Menschen, die auf der Suche nach Frieden und Selbstbestimmung sind, aus ihrer Marginalisierung herausgeholt werden. Diese Form von Augenzeugenberichten kommt im Flucht- und Migrationskontext tatsächlich wenig vor und sollte, denke ich, soweit wie möglich weitergetragen werden. Der Museumskontext, bietet Besucher_innen eine Gelegenheit sich den Geschichten der Menschen ganz anders zu nähern. Dazu kommt der erweiterte Rahmen einer umfassenden thematischen und sehr persönlichen Installation.
Eines der Motive für mich dies zu tun, rührt aus der eigenen Geschichte meiner Familie, die während der Naziverfolgung sowohl unterlassene Hilfeleistung als auch Hilfe erfahren hat.“

Lieber Herr Wachsmuth, haben Sie herzlichen Dank für dieses Gespräch! Wir hoffen, dass die Ausstellung rege besucht wird, zum Nachdenken und vielleicht sogar zum Handeln anregt.

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Alle Informationen zur Ausstellungen finden sich auf der Webseite des Weltmuseum Wien.

Ausstellungsansicht im Titelbild: Arye Wachsmuth