Julia gemeinsam mit geretteten Kindern an Bord der Ocean Viking

„Wer in Not gerät, hat ein Recht darauf, gerettet zu werden.“ – Interview mit Julia, Communication Officer an Bord der Ocean Viking

Julia ist Communication Officer für SOS MEDITERRANEE an Bord der Ocean Viking. Im Interview mit der UNO-Flüchtlingshilfe spricht sie über ihre Motivation, teilt berührende Erlebnisse von Bord und beschreibt die Herausforderungen, vor denen zivile Seenotrettungsorganisationen wie SOS MEDITERRANEE in Zeiten der Corona-Krise stehen. Die Veröffentlichung des Interviews erfolgt mit freundlicher Genehmigung der UNO-Flüchtlingshilfe.

Wer bist du?

Ich bin Julia, 28 Jahre alt, komme ursprünglich aus Niedersachen und wohne jetzt in Berlin – wenn ich an Land bin. Ich arbeite für SOS MEDITERRANEE und bin ein Drittel des Jahres, jeden dritten Monat, auf unserem Rettungsschiff, der Ocean Viking, im Einsatz. Diese Arbeit basiert auf meinen grundlegenden Überzeugungen: Dass die Menschenrechte für alle Menschen gleichermaßen gelten und Solidarität weder an Ländergrenzen noch an den europäischen Außengrenzen aufhören darf.

Was ist deine Aufgabe auf dem Schiff?

Als Communications Officer reicht mein Aufgabengebiet von klassischer Pressearbeit über Menschenrechtsbeobachtung bis hin zur Foto- und Videodokumentation. Wir werden bei jedem Einsatz von Journalist*innen begleitet, deren direkte Ansprechpartnerin ich bin. Ich bin außerdem für die Kommunikation zwischen der Crew und den Teams an Land zuständig und bearbeite Presseanfragen an die Besatzung auf dem Schiff. Bei Rettungen bin ich auf einem der Schnellboote, um Fotos und Videos zu machen. Aber vor allem halte ich auch die Geschichten der Geretteten fest, die wir an Bord haben. Meine Kernaufgabe ist: Denen eine Stimme zu geben, deren Geschichten sonst nicht gehört würden und Zeugnis über die Realität im Mittelmeer abzulegen.

Was ist dein beruflicher Hintergrund? Hast du bereits Erfahrung in der Seefahrt?

Ich bin Politikwissenschaftlerin, habe Internationale Beziehungen studiert und zuvor im Journalismus und in der politischen Kommunikation gearbeitet. Ich habe mich Menschenrechtsthemen und Migrationspolitik vorher also auf theoretischer Ebene gewidmet. Als sich die Situation im Mittelmeer und auf den griechischen Inseln 2015 zugespitzt hat, wusste ich, dass ich in diesem Kontext helfen will. Ich habe zwar keine Erfahrung in der Seefahrt, hatte aber immer eine große Affinität zum Meer. Auf dem Schiff kann ich meine Ausbildung und meinen beruflichen Hintergrund in der humanitären Nothilfe einbringen.

Was ist deine Motivation dich für die Seenotrettung aktiv einzusetzen? Gibt es ein einschneidendes Erlebnis, das dich zur Helfenden auf dem Mittelmeer gemacht hat?

Die humanitäre Krise im Mittelmeer, das Leid so vieler Menschen in unserer unmittelbaren Nähe, hat mir keine Ruhe gelassen. Ich kann nicht akzeptieren, dass Menschen auf ihrer Flucht vor den Küsten Europas ertrinken. Ich arbeite in der Seenotrettung, weil ich die Wahl habe. Der entscheidende Unterschied zwischen der Crew an Bord und den Menschen, die wir retten, besteht darin, dass wir Pässe haben, die uns erlauben, an fast jeden Ort der Welt zu reisen. Ansonsten haben die Menschen, die wir retten, vergleichbare Ambitionen und Träume wie wir. Die Crew an Bord und die Teams an Land verbindet ein unerschütterlicher Respekt für menschliches Leben. Wer in Not gerät, hat ein Recht darauf, gerettet zu werden. Das ist ja nicht nur eine moralische Pflicht, sondern auch im See- und Völkerrecht festgeschrieben.

Rettungseinsatz im Oktober 2019

Was hat dich dazu veranlasst dich speziell bei SOS MEDITERRANEE zu engagieren?

SOS MEDITERRANEE wurde gegründet, weil Bürgerinnen und Bürger in mehreren europäischen Ländern entschieden haben, angesichts des Sterbens im Mittelmeer und der Untätigkeit der Europäischen Union aktiv zu werden. Unsere Arbeit im europäischen Verbund ist der Solidarität und der Achtung der Menschenwürde verpflichtet und basiert auf einer breiten Bewegung europäischer Bürgerinnen und Bürger. Mit der Überparteilichkeit und Unabhängigkeit von SOS MEDITERRANEE sowie den drei Zielen unseres Einsatzes – Leben retten, schützen und bezeugen – kann ich mich ohne Wenn und Aber identifizieren.

Welche Personen arbeiten noch auf dem Schiff, wie ist die typische Besatzung?

Die Besatzung der Ocean Viking besteht aus drei Teams: Der neun-köpfigen Marine Crew, die direkt vom Schiffseigentümer angestellt ist, dem bislang neun-köpfigen Team von Ärzte ohne Grenzen, und dem Team von SOS MEDITERRANEE, das aus 13 Besatzungsmitgliedern besteht. Neben elf Retter*innen sind in der Crew von SOS MEDITERRANEE an Bord noch ein Communications Officer und ein Research and Evidence Officer, der oder die unter anderem dafür zuständig ist, alle Daten festzuhalten und auf unserem Online-Logbuch, onboard.sosmediterranee.org, zu veröffentlichen.

Wie ist der Ablauf eines Rettungseinsatzes?

Es gibt mehrere Möglichkeiten, wie wir auf ein Boot in Seenot aufmerksam werden. Entweder, jemand aus dem Search and Rescue (SAR) Team entdeckt von der Brücke aus mit dem Fernglas einen winzigen Punkt am Horizont, der sich als Seenotfall herausstellt. Häufiger kommt es vor, dass ein Notruf an uns weitergeleitet wird. Dann fahren wir zur letzten bekannten Position des Bootes in Seenot, manchmal Stunden entfernt von der Ocean Viking. In dem Gebiet angekommen, setzt eine oftmals lange Suchphase ein, denn ein kleines Boot mitten im Meer zu finden ist äußerst schwierig, selbst dann, wenn wir die ungefähre Position kennen.

Haben wir ein Boot in Seenot entdeckt, geht es meist ganz schnell. Dann kommt über die Funksprechgeräte die Ansage, „All teams, prepare for rescue!“ und innerhalb weniger Minuten sind wir alle in unserer Rettungsausrüstung, und die Crews bereiten die Schnellboote und das Deck für den Einsatz vor. Binnen weniger als zehn Minuten können wir das erste Rettungsboot ins Wasser lassen. Mit mindestens zwei, im Notfall auch drei Schnellbooten nähern wir uns dem Boot in Seenot, um zunächst für die Rettung entscheidende Fragen zu sondieren: Sind Menschen im Wasser? Ist das Boot intakt? Droht es unmittelbar zu kippen, auseinanderzubrechen oder zu sinken? Sind medizinische Notfälle an Bord, ist jemand bewusstlos oder atmet nicht? Sind Kleinkinder an Bord?

Die nächste Phase der Rettung ist „Crowd Control“, ein sehr wichtiger Schritt: Wir vermitteln den Menschen an Bord, dass wir eine humanitäre Organisation und gekommen sind, um sie zu retten – viele haben so große Angst, zurück nach Libyen gebracht zu werden, dass schnell Panik ausbrechen kann. Für eine sichere Rettung ist entscheidend, dass die Menschen an Bord des Bootes in Seenot Ruhe bewahren. Als nächstes verteilen wir Rettungswesten und beginnen dann, die Menschen nacheinander auf eines der Schnellboote zu holen, um sie zum Mutterschiff, der Ocean Viking, zu bringen. Zuerst helfen wir den Frauen und Kindern auf die Schnellboote.

An Bord der Ocean Viking bekommen alle Geretteten eine Grundausstattung: Warme Kleidung, Wasser, Nahrung, eine Decke. Wenn nötig, werden Menschen medizinisch von unserem professionellen Team versorgt. Wir registrieren alle Überlebenden und nehmen ein paar grundlegende Daten wie Herkunft und Alter auf. Dann beginnt eine Zeit, die wir die „Goldene Stunde“ nennen: Die Geretteten können sich ungestört ausruhen – viele schlafen dann zum ersten Mal seit Tagen in dem Wissen, dass sie vorerst in Sicherheit sind [1].

Im Rescue Kit befinden sich trockene Kleidung, Nahrung und Getränke sowie wichtige Alltagsgegenstände

Wie sieht der „Alltag“ auf dem Schiff aus?

Jeder Tag fängt mit einem morgendlichen Treffen an, bei dem die Aufgaben des Tages verteilt werden. Wenn wir in der Such- und Rettungszone sind, besprechen wir dabei auch die Wettervorhersage – mittlerweile ist empirisch bestätigt, dass die Wetterlage Fluchtversuche von der libyschen Küste beeinflusst, deshalb behalten wir das Wetter genau im Blick. Auch wenn wir keine Rettungen haben, ist auf einem Schiff sehr viel zu tun. Die Tage sind mit Übungen für Rettungen und Instandhaltungsarbeiten am Schiff gefüllt.

Wenn wir Gerettete an Bord haben, sieht der Alltag ganz anders aus. Dann setzen wir alles daran, die Zeit an Bord für die Überlebenden so angenehm wie möglich zu gestalten. Wir verbringen sehr viel Zeit an Deck, geben Essen aus, halten die sanitären Anlagen sauber und versuchen, die Zeit gemeinsam zu gestalten. Vor allem sprechen wir mit den Menschen, lernen einander kennen und erfahren ihre Geschichten. Insbesondere, wenn wir lange auf einen sicheren Hafen warten müssen, rücken Crew und Gerettete sehr zusammen – dann sitzen wir sprichwörtlich alle im selben Boot.

Wie ist die Stimmung auf dem Schiff – vor, während und nach den Rettungseinsätzen?

Die Arbeit an Bord ist eine emotionale Achterbahn. Wenn wir einen Notruf erhalten oder wenn es per Funk heißt, „All teams, prepare for rescue“, sind auf einen Schlag alle in Alarmbereitschaft und hochkonzentriert. Vor allem aber teilen wir sehr besondere Momente mit den Menschen, die wir retten.

Direkt nach einer Rettung ist die Atmosphäre an Bord meist von großer Freude und Erleichterung geprägt. Die Geretteten sind sowohl der Gewaltspirale in Libyen als auch dem Tod auf dem Meer entkommen und sehr dankbar. Wenn wir aber dann mehrere Tage oder manchmal Wochen auf einen sicheren Hafen warten müssen, wird es für einige von ihnen nicht nur körperlich anstrengend – sie haben auch Zeit zu reflektieren, was ihnen auf ihrer Flucht und insbesondere in Libyen widerfahren ist und machen sich Sorgen um ihre Zukunft. Während dieser Tage der Ungewissheit tun wir unser Möglichstes, um die Stimmung aufrechtzuerhalten und für Ablenkung zu sorgen. Wenn wir dann endlich die Nachricht bekommen, dass die Geretteten in einem sicheren Hafen an Land gehen können, ist die Freude unbeschreiblich.

Ist es in Zeiten der weltweiten Corona-Pandemie überhaupt noch möglich, Rettungseinsätze zu fahren?

Seit Beginn des weltweiten Ausbruchs von COVID–19 wurde die Seenotrettung im zentralen Mittelmeer zunehmend erschwert: Mehrere EU-Staaten haben ihre Häfen für „unsicher“ erklärt und Grenzen für schutzsuchende Menschen geschlossen. Es ist ein Dilemma: Menschen fliehen weiterhin vor unaussprechlicher Gewalt in Libyen und laufen Gefahr, im zentralen Mittelmeer zu ertrinken. Gleichzeitig ist das Risiko groß, dass wir die Geretteten nicht an einen sicheren Ort bringen und auch die Sicherheit der Überlebenden und der Besatzung an Bord nicht gewährleisten können. Vor diesem Hintergrund verbleibt die Ocean Viking vorerst im Hafen von Marseille, während die Teams von SOS MEDITERRANEE auf eine schnellstmögliche Wiederaufnahme des Einsatzes hinarbeiten.

Was sind die Hürden in Zeiten von Corona und wie geht die SOS MEDITERRANEE-Besatzung damit um?

Neben enormen logistischen Hürden, vor die die COVID-19 Pandemie den gesamten Schifffahrtssektor stellt, stehen wir, wie beschrieben, vor großen politischen Hürden. Wir füllen bereits eine Lücke, die Staaten in der Seenotrettung im Mittelmeer hinterlassen. Die Rahmenbedingungen, um diese Arbeit sicher und verantwortungsvoll auszuführen, sind aufgrund der aktuellen Ausnahmesituation derzeit gar nicht mehr gegeben. Wenngleich wir um die Herausforderungen wissen, vor denen die europäischen Staaten stehen, dürfen Infektionseindämmungsmaßnahmen nicht auf Kosten der Seenotrettung gehen.

Für die Besatzung ist diese Unterbrechung unserer Arbeit ein schmerzhaftes Dilemma. Am Osterwochenende sind erneut Menschen im Mittelmeer ertrunken und die Lage in Libyen spitzt sich weiter zu. Solange unsere Arbeit auf See unmöglich ist, ist das Risiko noch größer, dass Menschen auf der Flucht vor den katastrophalen Zuständen in Libyen im Mittelmeer ertrinken.

Welcher Moment und welche Person sind dir bei vergangenen Einsätzen besonders in Erinnerung geblieben und warum?

Es ist schwer, mich auf eine Person oder einen Moment zu beschränken, weil mich so viele Menschen hier an Bord tief beeindruckt haben und es bei jedem Einsatz einschneidende und prägende Momente gibt. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir eine Gruppe von fünf kleinen Mädchen zwischen vier und acht Jahren, die wir im Oktober 2019 an Bord hatten. Nach der Rettung mussten wir elf Tage lang auf einen sicheren Hafen warten. An einigen Tagen hatten wir hohe Wellen, manche der Mädchen wurden seekrank. Trotz allem umgab diese Gruppe von Kindern so eine Lebensfreude, so viel Zuversicht und Mut, dass sie das ganze Schiff damit angesteckt haben.

Gerettete Kinder spielen an Deck der Ocean Viking
Wir hatten ein paar Spielsachen ausgegeben, unter anderem Kuscheltiere. Ihre Freude über diese einfachen Spielzeuge, von denen ich als Kind dutzende in meinem Zimmer hatte, war unbeschreiblich. Gemeinsam mit den Kolleg*innen von Ärzte ohne Grenzen haben wir einen Nachmittag lang die Klinik an Bord zur Kuscheltierklinik umfunktioniert, den Plüschtieren Verbände angelegt und ihre Lungen abgehört. Inmitten der Anspannung, nach den Strapazen der Rettung auf dem Meer in Ungewissheit ausharren zu müssen, waren das ein paar Stunden der Unbeschwertheit, die ich nie vergessen werde. Seitdem denke ich oft an diese lebendige kleine Clique, und hoffe, dass die mitgenommenen Kuscheltiere sie an die unbeschwerten Momente an Bord erinnern und ihnen ein bisschen Kraft für all das geben, was noch auf sie zukommt.

Hast du Kontakt mit einer geretteten Person gehalten, wenn ja, was ist aus der Person geworden?

Ich bin noch in Kontakt mit einer jungen Frau, die ich bei meinem ersten Einsatz im Oktober 2019 kennengelernt habe. Als ich im Herbst an Bord der Ocean Viking mit ihr gesprochen habe, hat mich ihr klarer Blick auf ihre eigene Situation und den politischen Kontext, in dem sie sich bewegt, nachhaltig beeindruckt. Sie ist geflohen, weil sie in der politischen Opposition in ihrem Herkunftsland in Westafrika aktiv war und um sie herum die Festnahmen und Repressalien zunahmen. Ich habe ihre Geschichte aufgenommen und am Ende des ausführlichen Gesprächs hat sie mir aus dem Kopf ein seitenlanges Zitat von Voltaire über bürgerliche Freiheiten vorgetragen. Ich war sprachlos. Nach ein paar Monaten in einem italienischen Erstaufnahmelager sollte sie im Februar nach Deutschland kommen, wo ihr Asylantrag bearbeitet werden soll. Aufgrund der COVID–19 -Pandemie wurde ihre Abreise verschoben. Über sie höre ich auch oft von den anderen Frauen, die wir zur selben Zeit an Bord hatten.

Meine Hoffnung für diese Frauen ist, dass sie nicht mehr täglich um ihren Verbleib fürchten müssen, sondern ihren hellen Geist und ihre unglaubliche Resilienz an einem sicheren Ort einsetzen können. Ihre Stärke und Entschlossenheit erfüllen mich nach wie vor mit Ehrfurcht und Hochachtung.

Welche Maßnahmen wünschst du dir von der EU, um die Situation zu verbessern?

Es gibt zwei Bereiche, in denen dringender Handlungsbedarf besteht: Zum einen sind Staaten durch das internationale Seerecht und Konventionen dazu verpflichtet, die Seenotrettung in ihren Such- und Rettungszonen sicherzustellen und zu koordinieren. Mit dieser Verantwortung dürfen die Mittelmeeranrainer nicht vom Rest der Europäischen Union alleingelassen werden, eine massive Aufstockung der staatlichen Kapazitäten zur Seenotrettung ist nötig. Außerdem ist eine Rettung laut Seerecht erst dann abgeschlossen, wenn die Überlebenden in einem sicheren Hafen an Land gehen. Auch hier ist die EU gefragt: Wir brauchen dringend einen fairen und verlässlichen Verteilmechanismus, damit nicht nach jeder Rettung in zähem Ringen und teilweise erst nach Tagen oder Wochen eine Lösung für die Anlandung und Aufnahme der Geretteten gefunden wird.

Denkst du, dass dein Job einmal überflüssig wird, weil es keine Bootsflüchtlinge mehr gibt? Was müsste dafür passieren?

Diesen Job überflüssig zu machen ist das Ziel meiner Arbeit. Weniger, weil es keine Bootsflüchtlinge mehr gibt, sondern indem endlich die Lücke geschlossen wird, die zivile Seenotrettungsorganisationen seit Jahren füllen: Ein nachhaltiges EU-Seenotrettungsprogramm muss etabliert werden. Es müsste sehr viel passieren, damit niemand mehr die Flucht über das Meer wagt. Unser unmittelbares Ziel ist es, dass Staaten und die EU ihrer Verpflichtung zur Seenotrettung an den EU-Außengrenzen nachkommen, sodass niemand bei dieser Flucht sein Leben verliert. Diese Verantwortung darf nicht dauerhaft an die Zivilgesellschaft abgetreten werden.

Was wünschst du dir für die Zukunft?

Wenn ich von meiner Arbeit erzähle, begegnen mir Menschen oft mit großem Erstaunen, als wäre unser Einsatz besonders heldenhaft. Ich finde aber, dass es eine Selbstverständlichkeit sein sollte, dass Menschen geholfen wird, wenn sie in Lebensgefahr schweben. Die Corona-Krise hat uns in Europa vor Augen geführt, wie wichtig gesellschaftliche und europäische Solidarität ist. Diese Solidarität darf nicht an der Mittelmeergrenze enden: Ich wünsche mir ein Europa, das seinen Werten gerecht wird und den Respekt vor menschlichem Leben allen anderen Überlegungen voranstellt. Nicht mehr und nicht weniger.

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[1] Anmerkung der Geschäftsstelle: Frauen und Kinder werden in einem eigenen Schutzraum untergebracht, der auch Dank der ergänzenden Unterstützung der UNO-Flüchtlingshilfe bereitgestellt werden konnte.

Photo credits (in der Reihenfolge der Bilder): Trygve Thorson / Ärzte ohne Grenzen Julia Schaefermeyer / SOS MEDITERRANEE, Hannah Wallace Bowman / Ärzte ohne Grenzen & Stefan Dold / Ärzte ohne Grenzen